Moriz Scheyer: Selbst das Heimweh war heimatlos

Nachdem sich Österreich Hitler angeschlossen hat, wird das Leben für Juden in Wien immer schwerer. Moriz Scheyer, seine Frau und eine Freundin fliehen nach Frankreich. Doch auch dort holt Nazi-Deutschland sie ein. Nach mehreren Versuchen einen sicheren Platz zum Leben zu finden, müssen sich die drei Menschen schließlich in einem Kloster verstecken. Moriz Scheyer schreibt während all dieser Zeit über die persönlichen Erlebnisse.

„Zwar gaben wir uns Rechenschaft darüber, dass wir keineswegs außer Gefahr, sondern nur vor der Gefahr versteckt waren; zwar durften wir uns nicht in Sicherheit wiegen, nicht die kleineste Unvorsichtigkeit begehen. Wir waren verborgen, nicht geborgen. Und wir lebten unter Geisteskranken und Krüppeln.“ (Zitat Seite 180)

U1_978-3-498-06441-9.inddMoriz Scheyer ist ein durchaus angesehener Feuilletonist in Wien. Seine Glaubensrichtung spielt keine große Rolle. Als jedoch Hitler in der Österreichischen Hauptstadt einzieht, verbreitet sich seine Judenfeindliche Propaganda wie ein Lauffeuer. Ohne Widerstand werden die Restriktionen des Diktators übernommen.
Moriz Scheyer gelingt es mit seiner Frau und einer engen Freundin nach Frankreich zu flüchten. Zunächst bis Paris. Als auch die französische Hauptstadt dem Dritten Reich einverleibt wird, geht die Flucht weiter in Richtung Süden in der unbesetzten Zone. Doch auch hier sind die drei nicht sicher. Von Vichy aus verschachert und verrät die Französische Regierung die verfolgten Juden in der freien Zone.
Die Scheyers und ihre Freundin unternehmen einen weiteren Fluchtversuch, der scheitert. Zwischen all den Verfolgern zeigen sich aber auch Freunde und Helfer. Diese kümmern sich um ein Versteck für die drei armen Seelen. Scheyer, seine Frau und die Freundin finden Zuflucht in einem Kloster bei Berges.
Von 1942 an bis zum Ende des Krieges und einige Zeit darüber hinaus, harren sie in ihrem Versteck aus. Und Moriz Scheyer schreibt über die Erlebnisse seit der Machtübernahme Hitlers.

Intensives Zeitzeugnis

Das ist eine der wenigen Aufzeichnungen über die Judenverfolgung (zumindest die ich bisher kenne), die nicht nachträglich, sondern unmittelbar noch während der Ereignisse aufgeschrieben wurde. Moriz Scheyer begann schon während seiner Flucht mit der Dokumentation.
Man könnte meinen diese zeitliche Nähe macht das Buch intensiver und bedrückender. Doch das war bei mir nicht der Fall. Zwar ist die Schilderung eindrücklich und was Scheyer schreibt geht mir nahe. Denn viel ist von seinen Empfindungen und Ansichten zu lesen. So richtig ans Herz gegangen wie andere Tagebuchaufzeichnungen ist es mir aber nicht.
Was mich allerdings sehr beeindruckt hat, war – neben all den furchtbaren Erlebnissen – die Unterstützung, die Scheyers durch völlig Fremde erfahren haben. Menschen die ihr Leben und das ihrer Angehörigen aufs Spiel setzten, um andere zu retten und sich dem Nazi-Regime entgegen zu stellen.
Möglicherweise rührt meine Distanz zum Buch auch vom Schreibstil her. Ich finde es teilweise etwas langatmig und zu vergeistigt, was ich Scheyers journalistischer Arbeit zuschreibe.
Nichtsdestotrotz ist es ein unglaubliches und eindrückliches Werk. Und das es nun tatsächlich als Buch vorliegt, ist ein kleines Wunder – denn eigentlich hatte Scheyers einziger Nachkomme es vernichtet.
In dem Zusammenhang hat mir das Nachwort von Scheyers Stiefenkel sehr gut gefallen. Denn es erzählt noch einmal eine eigene Geschichte.
Ich kann das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen, auch wenn es ein beeindruckendes Zeitzeugnis ist und sicherlich auch einmalig. Lest vielleicht mal in das Buch rein, ob Euch der Schreibstil zusagt.

Mehr Zeitzeugnisse zum 2. Weltkrieg:

Klaartje de Zwarte-Walwisch: Mein geheimes Tagebuch
Ingeborg Jacobs: Freiwild
Alex Kershaw: Der Befreier

 

Autorenporträt
Moriz Scheyer (1886–1949) war ein rumänischstämmiger jüdischer Schriftsteller und Journalist, der in Wien aufwuchs. Seit 1914 arbeitete er als Literatur- und Theaterkritiker für die große österreichische Tageszeitung «Neues Wiener Tagblatt». Zu seinen Freunden in Wien zählten Stefan Zweig, Gustav Mahler und Bruno Walter. Scheyer veröffentlichte zahlreiche Bücher. 1938 emigrierte er nach Frankreich, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Buchinfo
„Selbst das Heimweh war heimatlos. Bericht eines jüdischen Emigranten 1938-1945“ von Moriz Scheyer, erschienen bei Rowohlt
Hardcover: 384 Seiten, € 22,95, ISBN: 978-3-498-06441-9
eBook: 384 Seiten, € 16,99, ISBN: 978-3-644-05761-6

Quellen
Bild/Autorenporträt: www.rowohlt.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

Ein Gedanke zu “Moriz Scheyer: Selbst das Heimweh war heimatlos

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