Leon Leyson: Der Junge auf der Holzkiste

Leon Leyson heißt eigentlich Leib Lejzon und stammt aus Polen. Seinen jüdischen Namen änderte er bei seiner Einwanderung in Amerika nach den schlimmen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg. Dass er überlebte verdankt er dem umstrittenen Industriellen Oskar Schindler. Erst viele Jahrzehnte später im neuen Jahrtausend schreibt Leon Leyson seine Geschichte auf.

„Nachdem man mir einen Hoffnungsschimmer gezeigt hatte, war der Verlust jetzt umso schlimmer. Ich wusste, ich würde den nächsten Monat in Płaszów nicht überleben, geschweige denn das nächste Jahr. Ich war am Verhungern. Ich lebte in ständiger Angst. Ich duckte mich bei jedem Geräusch, bei jeder Bewegung. Was konnte ich tun? Wie konnte ich weitermachen?“ (Zitat Seite 125)

_Der Junge auf der HolzkisteLeib wird 1929 als jüngstes von fünf Kindern in eine jüdische Familie geboren. Gemeinsam mit Eltern, Großeltern und einer Vielzahl anderer Verwandten lebt er die ersten Jahre seines Lebens in Narewka, im Osten Polens. Als er etwa acht Jahre alt ist, zieht die Familie nach Krakau, wo der Vater schon seit einigen Jahren arbeitet.
In der großen unbekannten Stadt wird Leib das erste Mal wirklich mit Hass und Ausgrenzung konfrontiert. Hitlers fatale Ideologie wirft bereits ihre Schatten bis nach Polen und dabei bleibt es nicht. Es folgen der Aufenthalt im Krakauer Ghetto, die Deportation des Bruders, Razzien und schließlich die Säuberung des Ghettos und Verbringung aller Juden in das Lager Płaszów. Immer wieder wird die Familie auseinander gerissen, kommt teilweise wieder zusammen, um bald erneut getrennt zu werden.
In Płaszów ist Leib vorerst auf sich gestellt und muss täglich Schwerstarbeit im Lager verrichten. Vater Mosche und Bruder David arbeiten bereits in der Fabrik von Oskar Schindler. Mutter Chanah schuftet bei Arbeitseinsätzen im Lager. Schwester Pesza ist im Lager eines anderen Industriellen untergekommen. Zwei Brüder sind verschollen.
Es dauert ein Jahr bis Leib und auch seine Mutter in der Emaillefabrik arbeiten dürfen. Leib, der sehr klein geraten ist, muss dafür immer auf eine Holzkiste steigen. Schindler, der regelmäßig durch die Fabrik streift, pflegt bald eine besondere Beziehung zu dem Jungen.
Kurz vor Kriegsende wird auch Pesza Arbeiterin bei dem umstrittenen Industriellen. Letztendlich stehen alle fünf Familienmitglieder auf der berühmten lebensrettenden Liste von Oskar Schindler. Sie erleben das Kriegsende, erfahren vom Schicksal ihrer Verwandten und beginnen schließlich ein neues Leben.
Leib geht mit seinen Eltern nach Amerika und wird zu Leon Leyson. Als Lehrer arbeitet er viele Jahre und schweigt dabei über seine Erlebnisse. Erst der Film „Schindlers Liste“ sorgt dafür, dass er seine Vergangenheit öffentlich macht.

Ein sehr bewegendes Buch

Das ist eines der wenigen Bücher, das ich mal nicht von einem Verlag zur Verfügung gestellt bekam, sondern geschenkt bekommen habe. Es ist eine Autobiografie, die mich sehr bewegt hat. Lange hatte ich kein Buch wie dieses mehr in der Hand.
Seit Spielbergs Film „Schindlers Liste“ bin ich fasziniert von Oskar Schindler, diesem widersprüchlichen Menschen, der einerseits Geld- und Profitgierig war, aber auch Menschlichkeit gezeigt hat in einer so unmenschlichen Zeit. Hiermit ein Buch zu lesen, von jemandem der Schindler persönlich kannte, ihm sein Leben verdankt, ging mir daher nahe.
Leon Leyson schildert die erlebten Schrecken rückblickend und mit dem heutigen Wissen wie naiv und gutgläubig er zu Anfang der Judenverfolgung war. Er schreibt keineswegs emotionslos, vermeidet aber übertriebene Gefühlsbeschreibungen. Er beschränkt sich auf den Bericht der schlimmen Erlebnisse, nicht unbedingt auf seine Empfindungen. Was er erlebt hat spricht ohnehin für sich.
Atemlos habe ich das Buch sehr schnell durchgelesen. Musste allerdings einige Male pausieren, gerade wenn es um das Lager Płaszów und dessen Lagerleiter Amon Göth ging. Für mich eine sehr emotionale und aufwühlende Lektüre. Auch weil ich dabei immer wieder die Bilder meines Besuches in Auschwitz vor Augen hatte.
Besonders gut hat mir gefallen, dass Leon Leyson im Anschluss von seinem Leben in Amerika berichtet. Und am Ende des Buches finden sich auch einige Bilder der Familie über die Jahrzehnte.
Von mir also eine glatte Empfehlung – vorausgesetzt Ihr steht auf Biografien und Zeitgeschichte.

Mehr Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg:

Imre Kertesz: Roman eines Schicksalslosen
Moritz Scheyer: Selbst das Heimweh war heimatlos
Klaartje de Zwarte-Walwisch: Mein geheimes Tagebuch
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Autorenporträt
Leon Leyson wurde 1929 unter dem Namen Leib Lejzon in Polen geboren und gehörte zu den jüngsten durch Oskar Schindler geretteten Juden. Nach dem 2. Weltkrieg wanderte er mit seiner Familie in die USA aus, wo er später für viele Jahre als Lehrer arbeitete. Leon Leyson starb 2013, kurz nachdem er das Manuskript für dieses Buch fertiggestellt hatte.

Buchinfo
„Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“ von Leon Leyson, erschienen bei Fischer
Taschenbuch: 224 Seiten, € 8,99, ISBN: 978-3-7335-0048-1
eBook: € 8,99 ISBN: 978-3-7336-0070-9

Quellen
Bild + Autorenporträt: www.fischerverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

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