BüRü: Ingeborg Jacobs: Freiwild

Schon bevor ich diesen Blog hier gestartet habe, schrieb ich Rezensionen. Darunter waren viele Bücher, die mich in irgendeiner Weise (in der Regel positiv) beeindruckt haben. Und es wäre schade, wenn man sich immer nur mit Neuerscheinungen beschäftigt ohne auch mal zurück zu blicken. Daher möchte ich Euch unter der neuen Kategorie „Bücherrückblick“ – kurz BüRü – eben die Bücher vorstellen, die zwar nicht neu, aber eben für mich sehr nachhaltig sind. Viel Spaß dabei.

„Die Russen kommen!“ – Heute scherzhaftes Zitat zu verschiedenen Gelegenheiten – vor mehr als 60 Jahren ein entsetzter Ausruf voller Angst vor der nahen Zukunft. Während des Vormarsches der russischen Armee, beherrscht Angst die vornehmlich weibliche Bevölkerung in Deutschland. Unzählige Frauen und Mädchen werden von den unbezähmbaren Soldaten aus dem Osten geschändet. Ingeborg Jacobs hat mit Opfern gesprochen und einige Geschichten unter dem Titel „Freiwild“ veröffentlicht.

FreiwildGewalt gegen Zivilisten ist während eines Krieges leider nicht wirklich eine Überraschung. Viel wurde über Kriegsverbrechen geschrieben und gesprochen – insbesondere über die Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges. Weitestgehend totgeschwiegen wurden allerdings Gewalt und Verbrechen speziell gegen die weibliche Bevölkerung während des Vormarsches der russischen Armee. Nur wenigen Frauen war es vergönnt unbeschadet die Begegnung mit einem russischen Soldaten zu überstehen.
Ingeborg Jacobs sprach mit Frauen, denen dieses Glück nicht hold war. Sie alle litten im Jahr 1945 (und auch später noch) unter der Brutalität sowjetischer Männer. Deutschland verlor den Krieg und die Befreier (oder auch Eroberer – je nachdem wen man fragt) aus den östlichen Regionen missbrauchten und vergewaltigten Frauen und Mädchen, gar Kinder auf ihrem Weg nach Westen. Für die Zivilistinnen war das Ende des Krieges bei weitem nicht mit Frieden gleichzusetzen. Neben der Gewalt die man ihnen antat, wurden viele auch in Arbeitslager abtransportiert. Wie zum Beispiel Wanda Schultz. Dennoch gab es offenbar jedoch auch Lichtblicke. Manch eine Frau hatte des Glück einen hochgestellten und gleichzeitig auch gutmütigen bzw. menschlichen Armeeangehörigen zu treffen. Dessen Bekanntschaft konnte sie vor Übergriffen anderer Soldaten bewahren. So geschehen Klara Bühler. Die russisch sprechende Frau warb um die Gunst der Offiziere, um ihr Haus, sowie Leib und Leben vor Übergriffen zu schützen.
Die Autorin traf viele missbrauchte und vergewaltigte Frauen, von denen stellvertretend für sie alle einige  Schicksale im Buch erfasst sind.

Erschütterndes Zeitzeugnis

Ein erschütterndes Zeitzeugnis legt Ingeborg Jacobs mit diesem Buch vor. Die Berichte über die verschiedenen Frauen und deren Schicksale lassen niemanden kalt. Erst recht nicht, da verschiedene Bilder den erzählenden Frauen auch ein Gesicht geben. Die tragischen Erlebnisse muten umso grausamer an, als es sich eben nicht um Einzelfälle handelt, sondern die Vergewaltigungen und Misshandlungen beim Vormarsch der russischen Armee regelrecht an der Tagesordnung waren.
Das Buch vermittelt Leid, Entsetzen und Trauer und ist brisant ob des bisher verdrängten Themas, welches behandelt wird.

 

Autorenporträt
Ingeborg Jacobs, geboren 1957 in Solingen. 1989 bis 1992 Aufenthalt in der Sowjetunion. Seit 1995 freie Autorin beim ZDF. Zahlreiche Dokumentarfilme, überwiegend zu zeitgeschichtlichen Themen. Sie wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis und dem Bayerischen Fernsehpreis. Mitarbeit an mehreren Büchern von Guido Knopp, darunter »Die große Flucht«.

Buchinfo
“Freiwild – Das Schicksal deutscher Frauen 1945“ von Ingeborg Jacobs, erschienen bei List
Taschenbuch: erschienen 2009, Broschur, 256Seiten, € 9,99, ISBN-13 9783548609263

Quellen
Bild+Autorenporträt: www.ullsteinbuchverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

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