Sarah Quigley: Der Dirigent

Mitten im Zweiten Weltkrieg beginnt Dmitri Schostakowitsch seine berühmte Siebente Sinfonie zu komponieren. Während ganz Leningrad unter der deutschen Belagerung hungert und friert, zieht der Komponist sich zurück und sorgt sich um ausreichend Notenpapier. Nachdem Schostakowitsch aus der Stadt gebracht wurde und die Sinfonie endlich fertig ist, soll sie unbedingt von einem Orchester in der zerstörten Stadt gespielt werden. Für den Dirigenten des ehemaligen Rundfunkorchesters eine schier unlösbare Aufgabe.

Mein Lieblingssatz: „Sie holte tief Luft, nickte Herrn Schostakowitsch zu, und der erste Ton fiel, vollendet gestimmt und so süß wie Honig, in die Stille.“

Der DirigentLeningrad 1941: Russland wird von der deutschen Wehrmacht angegriffen. Der in Leningrad lebende Komponist Dmitri Schostakowitsch lässt sich dadurch in seiner Arbeit nicht beeindrucken. Vielmehr wird er durch die vorbereitenden Maßnahmen in der Stadt zu einer Sinfonie inspiriert – seiner Siebenten Sinfonie.
Als Leningrad schließlich von den Deutschen belagert wird, weigert er sich mit seiner Familie aus der Stadt zu fliehen. Zu groß ist seine Angst, seine Komposition könnte darunter leiden. Während seine Familie und ganz Leningrad hungert und friert, macht Schostakowitsch sich mehr Gedanken um fehlendes Notenpapier für all seine musikalischen Ideen. Nach Ende des Dritten Satzes schließlich kann er doch dazu bewegt werden, sich und seine Familie zu retten und nach Kuibyschew zu fliehen.
Auch Karl Eliasberg lebt in Leningrad. Er ist Dirigent des Rundfunkorchesters und steht seit jeher im Schatten der Philharmoniker und dessen Dirigent Mrawinsky. Der zurückhaltende Eliasberg bewundert Schostakowitsch, fühlt sich auf dem öffentlichen Parkett aber eher unwohl. Die Aufmerksamkeit der vielen Persönlichkeiten, die er verehrt, lässt ihn stottern. Dennoch ist er ehrgeizig, verlangt seinen Musikern alles ab, wirkt kaltherzig und unnahbar.
Als zu Beginn der Belagerung die Philharmoniker ausgeflogen werden, ist es an Eliasberg und seinem Rundfunkorchester die musikalische Kultur in Leningrad hochzuhalten. Doch der Krieg dezimiert die Mitglieder des Orchesters drastisch. Das Orchester wird folglich aufgelöst. Fehlende Nahrung und bittere Kälte fordern auch von Eliasberg ihren Tribut. Nach einem entsetzlichen Winter wird er jedoch vom Kultusminister angewiesen, das Rundfunkorchester zu reaktivieren. In drei Monaten sollen sie die fertig gestellte Siebente Sinfonie von Schostakowitsch aufführen zur Stärkung der Moral in Leningrad.
Eine Mammutaufgabe, die dem Dirigenten alles abverlangt. Doch er kämpft um jedes einzelne fehlende Instrument, um zusätzliche Brotrationen für seine Musiker und um Disziplin in Zeiten von Chaos und Armut. Und was Eliasberg sich nicht hat träumen lassen wird wahr: er darf nicht nur die Sinfonie des hochverehrten Komponisten spielen, sondern er findet Freundschaft, Freundlichkeit und Bewunderung wo er sie nie erwartet hätte.

Der Dirigent klingt nach

Ich liebe Bücher, die Zeitgeschichte, reale Personen und ein wenig fiktive Story miteinander verbinden. Genau das findet sich in „Der Dirigent“. Daher habe ich mich gewundert, dass ich zunächst nicht recht in meinen Leseflow gefunden habe. Das mag aber der Buchwahl zu einem ungünstigen Zeitpunkt geschuldet sein und nicht dem Buch. (Ich hatte eine Woche vorher erst ein zeitgeschichtliches Buch über Russland gelesen.) Ich entschuldige mich also bei Sarah Quigley, dass ich „Der Dirigent“ zunächst nicht die richtige Aufmerksamkeit geschenkt habe.
Tatsächlich hat mich das Buch dann sehr gefesselt und es klingt auch nach Abschluss sehr schön nach. Ich bin jetzt neugierig auf die Musik von Schostakowitsch. Ich mag die liebevolle Zeichnung der Charaktere. Ganz besonders die von Karl Eliasberg, der zunächst recht spröde daher kommt und im Verlauf des Buches immer menschlicher und für mich damit immer besonderer wird.
Ich mag die musikalische Sprache, die aus jeder Seite klingt. Auch die drastischen Schilderungen, wie weit die Menschen für ihr Überleben gingen. Die Begegnung zwischen Eliasberg und Alexander hat mich sehr berührt und die zarte Liebe, die im Buch wächst, ging mir ebenso ans Herz.
Ich habe die Zeitgeschichte und die realen Personen bereits erwähnt. Am Ende des Buches finden sich sowohl Informationen zum Leben Dmitri Schostakowitschs als auch zur Siebenten Sinfonie und Karl Eliasberg. Auch über die Belagerung Leningrads erfährt man mehr. Ein Interview mit der Autorin setzt dem Ganzen die Krone auf. Ich persönlich finde es immer schön, mehr über die Hintergründe zu erfahren und einen realen Bezug herzustellen.
Ich werde „Der Dirigent“ auf jeden Fall noch einmal lesen. Es ist ein tolles Buch, das volle Aufmerksamkeit verdient. Fans von Büchern mit realem Hintergrund, kann ich die Lektüre nur ans Herz legen.

Autorenporträt
Die Schriftstellerin und Kritikerin Sarah Quigley, geb. 1967 in Neuseeland, promovierte in Literatur an der University of Oxford. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten und Gedichte, wofür sie zahlreiche hochkarätige Auszeichnungen erhielt. »Der Dirigent« ist ihr vierter Roman und ihr erstes Buch auf Deutsch. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Berlin.

Buchinfo
„Der Dirigent“ von Sarah Quigley
Taschenbuch: erschienen bei Aufbau Taschenbuch, 398 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-7466-3021-2
eBook: erschienen bei Aufbu als ePub ohne DRM, 298 Seiten, € 7,99, EAN: 9783841204660

Quellen
Bild: www.aufbau-verlag.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

9 Gedanken zu “Sarah Quigley: Der Dirigent

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