Bahn oder nicht Bahn, das ist hier die Frage

… die ich mir gerade stelle, weil ich in etwa 5 Wochen in meinen Weihnachtsurlaub aufbrechen will.
Ich muss in ein Kaff ganz im Südosten der Republik. Irgendwo an der tschechisch-polnischen Grenze. Ins Tal der Ahnungslosen. Das sind etwa 700km. Der Fernbus fällt definitiv flach. Acht Stunden zwischen schweiß- und parfümgetränkten Pullovern auf viel zu engem Raum sitzen, das muss ich auch für nur 30 Euro nicht haben. Zumal der Fernbus nicht bis ins Tal der Ahnungslosen fährt, sondern mich dann auch noch jemand irgendwo abholen müsste. Das will ich vermeiden.
Eine Mitfahrgelegenheit wäre eigentlich die ideale Lösung. Aber auch hier die Gefahr, dass ich nicht bis ganz zum Ziel komme, weil meist keiner hin will zu dem Zeitpunkt an dem es mir passt.
Flug ist zu teuer, Mietwagen auch. Was bleibt ist laufen. Oder noch die Bahn. Die könnte mich sogar mit einem Sparpreis bis in heimatliche Gefilde schaukeln. Was mich von der Buchung abhält ist die mangelhafte Zuverlässigkeit der Bahn. (Man weiß ja nicht, was Herr Weselsky sich noch so ausdenkt.) Und meine Erlebnisse vom letzten Jahr. Da bin ich nämlich auch per Sparpreis mit der Bahn gefahren. Von Stuttgart nach Zittau mit zweimal umsteigen in Heidelberg und Dresden. Schien mir für 44 Öcken machbar. Samstag ist vielleicht auch nicht so viel los, weil ja alle entweder Freitag oder Sonntag irgendwohin fahren. Und mit meinem Koffer bin ich schon erprobt. Für die geplanten 8 Stunden Fahrt gibt es ja Bücher und Musik und Kreuzworträtsel. Vielleicht schlaf ich sogar ne halbe Stunde oder so. Sieht ja auch immer total entspannt aus, wie die im Fernsehen mit der Bahn fahren.
Also ging es morgens – sogar pünktlich – in Stuttgart los bis nach Heidelberg. Vorher schnell noch eine Flasche Wasser gekauft und was zum Frühstück. In Heidelberg sollte ich etwas Zeit haben, was mir Gelegenheit geben würde, den Wasservorrat aufzufüllen und für den längeren Zugstreckenteil vielleicht noch einen Happen zum Mittag zu kaufen.
Klar kamen wir später in Heidelberg an. Klar musste ich dringend aufs Klo, was ich komischerweise lieber am Bahnhof erledige, als im Zug. Wenn der Hygienefaktor auch nicht wirklich differiert, der Bahnhof wackelt halt nicht ganz so stark. Folgerichtig blieb dann keine Zeit mehr um noch irgendetwas irgendwo zu kaufen. „Auf der langen Strecke wird der Zug ja ein Bordrestaurant haben.“ dachte ich. Falsch.
Selbstredend hatte es an diesem Tag im Dezember geschneit. Für die Bahn ja immer ein unvorhergesehenes Ereignis und somit eine Herausforderung. Ich stand am Bahnsteig und fror. Der Zug hatte Verspätung. Immer nur 5 Minuten. Das aber mehrere 5 Minuten hintereinander. Trotz der Verspätung nicht wirklich Zeit um mit einem vollgepackten Koffer nochmal vom Bahnsteig zum Bahnhofsgebäude zu laufen und sich doch noch mit Lebensmitteln einzudecken.
Irgendwann kam dann die Bahn. Also sowas ähnliches. Eigentlich waren es auch nur 2 Wagen (Wägen?). Von einem Bordrestaurant keine Spur. Es waren die Wagen einer Regionalbahn. Da gerade neu eingesetzt, gab es freie Platzwahl. Immerhin zog es nicht. Oder nur, wenn jemand die Tür offen ließ. Ich saß am Fenster, in Fahrtrichtung, hatte einen Tisch – ich war ein bisschen glücklich.
Der Lokführer teilte uns 1. mit, dass kein Zugpersonal außer ihm an Bord wäre, weil die alle im Schnee stecken geblieben sind. Gelächter. Und 2. wäre wegen der Kälte dummerweise die Neigetechnik des Zuges ausgefallen, weswegen wir nicht so schnell fahren könnten. Kein Gelächter mehr. Wir würden also zur ohnehin schon bestehenden Verspätung noch mehr Verspätung kriegen. Gratis. Yeah!
War der Wagen in Heidelberg noch ziemlich leer, stiegen am nächsten Halt deutlich mehr Menschen zu und es wurde recht schnell voll. Auch eine junge Mutter mit Kind und Handy stieg zu. Sie saß drei Reihen vor mir. Sie hatte auch noch eine Freundin dabei. Kaum war der Zug losgefahren, aktivierte sie sowohl Kind als auch Handy. Das Kind berichtete der Freundin und stolperte vor Aufregung über die eigenen Worte. Zeitgleich plärrte die Mutter mit eindringlicher Stimme in ihr mobiles Gerät. Da es daneben so gut wie keine Gespräche gab, hörte der ganze Wagen die Litanei mit. Mehrfach. Denn sie rief nacheinander mehrere Personen an. Ihre Stimme wurde nicht erträglicher oder ging in Hintergrundrauschen über, wie das ja manchmal ist, wenn man am Bahndamm wohnt oder der Autobahn. Da nimmt man das einfach irgendwann nicht mehr wahr. Wirkte in diesem Fall nicht. Vielleicht hätte ich dafür aber auch mehrere Wochen neben ihr sitzen müssen.
Auch Musikhören übertönte die schrille Stimme nicht. Erst als sie verkündete, ihr Akku sei jetzt fast leer, sie müsse Schluss machen, war kollektives Aufatmen im Wagen zu hören.
Ich teilte mir mein Wasser ein und hatte inzwischen in meiner Handtasche noch eine Tüte gebrannte Mandeln gefunden. Wir kamen dann pünktlich plus Verspätung in Dresden an. Mein Anschlusszug war vor 30 Minuten weg. Ich dachte an die Zugpreisbindung. Die war ja nun wohl hinfällig.
Am Infostand erhielt ich die Auskunft, dass mein nächster Anschlusszug in etwa anderthalb Stunden fahren würde und ungefragt ein Fahrgastrechteformular. Die kannten sich aus.
Natürlich ging ich erst mal aufs Klo. Danach in den überteuerten Bahnhofssupermarkt, um neben einer Flasche Wasser auch irgendwas mit Alkohol zu kaufen. Und ich meine keine Mon Cherie. Ich war echt genervt. Ich hatte Hunger und mir war auch kalt. Also brauchte ich erst einen heißen Kaffee, bevor ich mir ein eiskaltes Bier hinter die Binde kippen könnte.
Gegenüber war tatsächlich ein Nicht-Starbucks-Kaffeeladen. Dort gab es Bagel. Hatte ich vorher noch nie gegessen. Also orderte ich einen mit Honig-Senf-Frischkäse dazu einen großen Kaffee. Zum Mitnehmen, weil hier war alles besetzt. Es war viel los, der Barista alleine hinterm Tresen und entsprechend gestresst. Nachdem er den Bagel aufgeheizt, beschmiert und halbiert hatte, fiel ihm eine Hälfte beim Verpackungsversuch auf den Boden. Ich ließ den Kopf hängen und wollte weinen. Ihm war anzusehen wie peinlich ihm das war, wie nervös er war und dass er gerne Hilfe gehabt hätte. Ich versuchte ihn mit einem „Keine Sorge, ich habe Zeit.“ etwas zu entspannen. Ein neuer Bagel wurde erhitzt, beschmiert und halbiert. Und dieses Mal auch vollständig und ordnungsgemäß verpackt. Ich zahlte und der nervöse Barista gab mir zu meinen gewünschten Verzehrwaren auch noch das halbe Schmierebrötchen mit, das nicht zu Boden gegangen war. Nett.
Da ich nicht recht wusste wohin, stellte ich mich in die Bahnhofshalle mit Blick auf die Gleise und den Bahninformationsschalter. Mein Rollkoffer stand neben mir. Mit dem Kaffee in der einen Hand packte ich etwas umständlich die erste Bagelhälfte aus. Und gleich wieder ein. Mich hatte nämlich was getroffen. Von oben. Regen konnte es in der überdachten Halle nicht sein. Nach einem Schritt zur Seite und einem Blick nach oben, habe ich mir ein Gewehr gewünscht. Hat mich doch tatsächlich eine Taube vollgeschissen! Eilig brachte ich mich, meinen Koffer und – was noch wichtiger war – den Kaffeebecher samt Bagel aus der Schuss… oder sollte ich sagen Schisslinie?
Finde mal auf die Schnelle in einer Bahnhofshalle eine Möglichkeit den Kaffeebecher abzustellen und das Essen aus der Hand zu legen ohne Angst zu haben, es fällt runter oder um.
Nach schier endlosen Minuten hektischen Kramens und Fluchens hatte ich endlich Taschentücher gefunden. Wie ich feststellte, hatte die Taube meinen Oberkopf verfehlt und „nur“ meine Schulter mit ein paar Haarspitzen getroffen. Mit Taschentuch und Wasser konnte der Fleck fürs erste entfernt und die Haarspitzen gesäubert werden. Hatte meine Mutter daheim halt gleich was zum Waschen. Die neue Waschmaschine samt Trockner wollte eh getestet werden. Und ich wollte ja auch ohnehin zum Friseur.
Ich suchte mir dann einen Platz, wo keine Tauben unheilschwanger über mir thronten und vernichtete Kaffee und alle halben Schmierebrötchen. Dann rief ich eine Freundin an, um ihr mein Leid zu klagen und mich auszukotzen. Über die Bahn, über Tauben, über abgestürzte Bagel und überhaupt. Auf mein Vorhaben hin, mich im nächsten und letzten Zug zu betrinken, teilte sie mir mit, es sei doch verboten in der Bahn Alkohol zu trinken. WHHHAAAAAT? Ich bin ein friedlicher Mensch. Ganz ehrlich. Aber der Bahnfuzzi, der mir heute nahelegen würde, meinen Alkohol nicht in seinem Gefährt zu trinken, der würde einen Anschiss kassieren.
Neben mir warteten noch andere Menschen am Bahnsteig. Ich wäre noch zwei Stunden unterwegs, hatte die Schnauze voll und würde mir einen Sitzplatz erprügeln, wenn es nötig wäre. War es gottseidank nicht. Ich ergatterte einen Fensterplatz. Am Fenster gegenüber nahmen zwei unrasierte Herren in dezent ungewaschener Kluft Platz. Noch während ich in meiner Tasche nach dem erstandenen Alkohol wühlte, packten sie ihr Dosenbier aus. Recht so! Von wegen kein Alkohol im Zug!?
Auch ich fand mein Hopfengetränk und der Zug füllte sich. Allerlei Weihnachtsmarktgänger drängten in den Zug. Mir gegenüber wurde kalter Glühwein ausgepackt und man weihte die gerade gekauften mundschmeichelnden und zehengeformten Tassen aus Bioton ein.
Ich kam dann mit ziemlich genau 2 Stunden Verspätung am Zielort an. Reichlich genervt, aber dank des Fahrgastrechteformulars, bekam ich 50% des Fahrpreises erstattet.
Die Frage ist, will ich mir das dieses Jahr wieder antun?

4 Gedanken zu “Bahn oder nicht Bahn, das ist hier die Frage

  1. Als unbeteiligte Leserin musste ich schon schmunzeln über Deine „gelungene“ Reise. Dir selbst ist am Reisetag ganz sicher der Humor vergangen. Ehrlich gesagt befürchte ich immer so eine Verspätung an Verspätung an Verspätung. Und besonders toll finde ich es, wenn die Verspätung dadurch verursacht wird, dass man auf Umsteiger aus anderen verspäteten Zügen warten musste. Bahn kommt für mich nur im ICE ohne Umsteigen in Frage (z. B. Nürnberg City nach Hamburg City in vier Stunden zum Sparpreis, das ist echt unschlagbar).

    Im Winter sind aber auch alle Alternativmöglichkeiten unsicher und selbst wenn man ein eigenes Auto oder eine gute Mitfahrgelegenheit hat, kann es einem schon mal passieren, dass man auf der Autobahn übernachten muss, weil im Megastau über viele Stunden nichts mehr geht.

    Egal, für welche Reisemethode Du Dich entscheidest, ich hoffe, es läuft alles glatt oder wir bekommen wenigstens wieder eine interessante (und so typische) Reisegeschichte hier zu lesen.

    LG Gabi

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Gabi,
      danke Dir für die Wünsche.
      Leider gibt es für meine Strecke keine Direktverbindung. Die würde mir natürlich am besten reinlaufen. Aber so muss ich sehen, dass ich das kleinere Übel wähle.
      Es wird wohl tatsächlich der Zug werden. Ich sichere mir erstmal den Sparpreis. Wenn sich dann kurzfristig doch eine gescheite Mitfahrgelegenheit bietet, kann ich immer noch umdisponieren. 🙂
      Und ja, ansonsten gibt es halt wieder eine Bahngeschichte hier. 🙂
      Liebe Grüße
      sanne

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  2. Du sprichst mir aus der Seele mit deinem köstlichen Bericht, denn vor zwei Wochen habe ich dank Bahnstreik ähnliche Erfahrungen machen dürfen. Direkt im Anschluss dann Pilotenstreik. Ich fahr wieder mit dem Auto!

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    • Hallo,
      ja, ich erinnere mich, dass Sie davon geschrieben haben. Extrem ärgerlich, wenn man da durch muss.
      Wenn ich ein Auto hätte, würde sich die Frage für mich nicht stellen. Dann könnte ich den Kofferraum mit meinem Kleiderschrank vollpacken und nach Gusto losdüsen. Auch wenn es da schlecht ist, mal eben eine halbe Stunde vor sich hinzu dösen oder gar zu schlafen. *g*
      Liebe Grüße und staufreie Fahrt
      Susanne

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