Sabine Weiß: Das Kabinett der Wachsmalerin

Im Alter von knapp 40 Jahren macht die Französin Marie Tussaud sich auf den Weg nach England. Ihre Begleitung ist der 4jährige Sohn Joseph – auch Nini genannt – und viele ihrer Wachsfiguren. Gemeinsam mit dem Geschäftspartner Philipsthal will sie ihre lebensnahen Figuren den Engländern zeigen und Geld verdienen. Bald will sie wieder zurück in Paris sein; bei ihrem Mann, ihrem jüngsten Sohn Francoise und ihrer Mutter.

Das Kabinett der WachsmalerinDoch Philipsthal ist nicht der ehrenwerte Geschäftsmann, für den Marie Tussaud ihn hält. Mit einem üblen Vertrag bindet er sie. Gern könne sie selbst zurück nach Frankreich gehen, doch die Wachsfiguren bleiben in seinen Händen. Davon will Marie nichts wissen und bleibt wohl oder übel auf der unbekannten Insel. Da Philipsthal sie auch noch ihrer Einnahmen regelrecht beraubt, bleibt ihr kaum Geld. Weder kann sie sich freikaufen, noch kann sie ihrem Mann das benötigte Geld schicken.
Als Marie dann tatsächlich aus dem Knebelvertrag aussteigen kann, hat sie bereits einiges von der Insel gesehen. In verschiedenen Städten hat sie mit ihren Figuren halt gemacht und die betuchten Kreise von deren Qualität überzeugt. Nach dem Bruch mit ihrem Geschäftspartner ist sie auf sich gestellt. Nicht nur das, auch Nini der schwer erkrankt bedarf ihrer Aufmerksamkeit.
Ist es zunächst der Geldmangel, der Marie an der Rückreise in ihre Heimat hindert, so vereitelt bald auch der Krieg zwischen England und Frankreich diese Pläne. Notgedrungen gibt Marie ihrem in finanziellen Dingen unverantwortlichen Mann Zugriff auf ihre Besitztümer. Sie hat ein schlechtes Gewissen, da sie noch immer kein Geld entbehren kann. Gleichzeitig hadert sie mit ihrem Mann, der doch eigentlich den Wachssalon in Paris betreuen und zu neuem Erfolg führen sollte.

Die Figurensammlung wird erweitert

Viele Jahre reist Marie Tussaud kreuz und quer durch England, Schottland, besucht sogar Irland. Immer mit dabei ihr geliebter Nini. Bereits früh führt sie auch ihn in die Kunst der Wachsmalerei ein. Nini ist ein gelehriger Schüler. Zudem verfügt Marie noch immer über ausgezeichneten Geschäftssinn und vergrößert ihr Kabinett mit angesehenen Engländern und Schotten.
Hauptsächlich Mitglieder des Königshauses, aber auch berüchtigte Verbrecher oder aber Aufständische finden einen Platz in ihrer besonderen Ausstellung. Nach wie vor geniesst ihr Kabinett einen hervorragenden Ruf und über die Jahre hinweg kann Marie auch in England adlige Unterstützung vorweisen.
Nach Kriegsende erfährt die stolze Wachsmalerin, dass ihr Gatte in Paris sämtliches Eigentum verschleudert hat. Nichts gehört ihr mehr. Auch nicht der berühmte Wachssalon von Curtius, ihr Zuhause. Zudem würde sämtliche Habe, die sie noch besitzt bei ihrer Rückkehr an ihren Mann fallen. Sie fürchtet er würde auch dies bald durchbringen. Daher bleibt Marie nach dem Krieg weiter in England. Außer der Sehnsucht nach ihrem jüngsten Sohn zieht sie nun nichts mehr nach Paris zurück.
Und dann kann sie ihr Glück kaum fassen. Gerade hat sie einen dramatischen Schiffbruch überlebt, plötzlich steht Francoise in ihrem Wachsfigurenkabinett. Erwachsen ist er geworden und hat mit Hilfe eines guten Freundes der Familie den weiten Weg gewagt. Fortan begleitet er Mutter und Bruder. Die Familie wächst zusammen. Auch Francoise wird in der Wachskunst unterrichtet und steuert zudem handwerkliches Geschick in Sachen Kulissen bei.
Das fahrende Kabinett wächst und auch die Familie bekommt Zuwachs. Nach und nach gesellen sich Schwiegertöchter und auch Enkel zum Tussaud-Clan. Das Reisen selbst in den extra angeschafften Planwagen wird immer beschwerlicher. Die nächste Station ist London. Es soll auch die letzte sein. Marie erfüllt sich hier im hohen Alter endlich ihren großen Traum von einem neuen, eigenen Wachssalon. Noch zu Lebzeiten gibt sie ihr Vermächtnis in die Obhut ihrer Söhne. Eine Last fällt von ihren Schultern.
Die letzte Maske, die die Wachsmalerin fertigt, ist ihre eigene. Im stolzen Alter von 89 Jahren stirbt die außergewöhnliche Französin im Kreise ihrer Lieben.

Lesen und lesen und lesen …

Es gibt Bücher, die möchte man lesen und lesen und lesen… Von denen man sich wünscht sie würden nie enden; quasi die unendliche Geschichte schlechthin. „Das Kabinett der Wachsmalerin“ ist ein solches Buch. Ich habe diesem zweiten Teil des Romans um die berühmte Wachsbildnerin Madame Tussaud regelrecht entgegengefiebert. Und Autorin Sabine Weiß hat mich nicht enttäuscht.
Mitunter wirken die Episoden etwas stakkatoartig in ihrer Kürze. Dennoch beeinträchtigt dies kaum das leserfreundlich aufbereitete Leben der Madame Tussaud und ihrer Familie.
Auch in diesem Buch ist Marie Tussaud wieder Zeitzeugin und Geschäftsfrau, aber eben auch Mutter. Der Leser hat das Gefühl direkt neben ihr zu stehen, mit ihr gemeinsam durch ihr Wachsfigurenkabinett zu flanieren und ihren Anekdoten zu den einzelnen Figuren zu lauschen. Die Schilderung ist so lebendig, dass man als Leser voll und ganz eintauchen kann.
Auch wenn dieser historische Roman keine Biografie ist und somit auch keinen Anspruch auf die Beschreibung des wahren Lebens der Marie Tussaud hat, so vermittelt er dennoch ein zumindest realitätsnahes Bild ihres Weges.
Normalerweise empfehle ich ungern Bücher im Doppelpack, da jedes Buch für sich alleine bestehen muss. Das kann dieses Buch auf jeden Fall. Dennoch lege ich hiermit nicht nur „Das Kabinett der Wachsmalerin“ allen ganz besonders ans Herz, sondern auch noch einmal die Anfänge der Marie Tussaud mit „Die Wachsmalerin“.

Übrigens…

Beinahe 13 Jahre haben die Arbeiten an den beiden Büchern „Die Wachsmalerin“ und „Das Kabinett der Wachsmalerin“ in Anspruch genommen. Autorin Sabine Weiß ist selbst auf den Spuren der Marie Tussaud gewandelt und hat deren verschiedene Ausstellungsorte besucht. Gemeinsam mit ihrer Familie ist sie in einem Wohnwagen durch Großbritannien und Irland gereist. Hat ihre Nase in alle möglichen Archive gesteckt und natürlich auch in die wenigen erhaltenen Geschäftsbücher von Madame Tussaud selbst. Und manchmal verlor sich die Spur der berühmten Wachskünstlerin im Nichts. Kam erst später an anderer Stelle wieder zum Vorschein. Für die Zeit dazwischen kam entweder der Zufall zu Hilfe oder die eigene Fantasie erhielt ihr Recht.
So nahe wie nur möglich wollte sie an den Fakten bleiben, sagt Sabine Weiß selbst. Doch wo keine Fakten sind, da nimmt sich der Autor eben die berühmte dichterische Freiheit. Dementsprechend ausgewogen sind Fakt und Fiktion – „…, über den Daumen gepeilt, fünfzig-fünfzig.“ wie mir die Autorin auf Anfrage verrät.
Das Thema Marie Tussaud hat Sabine Weiß noch immer nicht losgelassen. Auch nach Abschluss des Buchprojektes schreibt sie voller Leidenschaft davon. Zu spüren welches Engagement hinter den Büchern steht, ist etwas ganz Besonderes und macht sie umso interessanter.

Autorenporträt
Sabine Weiß, geboren 1968, studierte in Hamburg Germanistik und Geschichte. Seit 1995 arbeitet sie als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur und Medien. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nordheide.

Buchinfo
“Das Kabinett der Wachsmalerin – Der Madame-Tussaud-Roman“ von Sabine Weiß, erschienen Februar 2009 bei Marion von Schröder, 400 Seiten, Gebunden, € 19,90, ISBN-10: 3547711258, ISBN-13: 9783547711257

Quellen
Bild: www.ullsteinbuchverlage.de / Text: Susanne

4 Gedanken zu “Sabine Weiß: Das Kabinett der Wachsmalerin

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