James Joyce: Dubliner

Der Geschichtenzyklus „Dubliner“ ist James Joyce erste Veröffentlichung. Vom Publikum zunächst gemieden, weil es keine unterhaltsame leichte Lektüre ist, inzwischen aber ein Klassiker. Die Beschreibung des tristen Alltags in Dublin auf bemerkenswert realistische Art und Weise. Ein Denkmal des Autors für die Stadt, mit der ihn eine Hassliebe verbindet.

Dubliner„Dubliner“ ist ein Kurzgeschichtenzyklus über die gleichnamige Hauptstadt Irlands und deren Bewohner. Insgesamt 15 Geschichten gehören dazu, die sich allesamt mit dem Leben der armen und mittelständischen Bevölkerung befassen.
Es handelt sich nicht um eine schlichte Sammlung und wahllose Zusammenstellung von Kurzgeschichten aus dem Schaffen von James Joyce. Sondern wie bereits erwähnt um einen Zyklus, der ganz bewusst vom Autor so geschrieben und angeordnet wurde. Die ersten Geschichten behandeln die Kindheit, dann die Reife, gefolgt vom Alter und der Gesellschaft.
Beschrieben werden alltägliche Szenen in die der Autor unmittelbar einsetzt und die er ebenso abrupt wieder verlässt. Zumeist tragische, traurige Szenarien, in denen fast immer das Festhalten an Konventionen und Bekanntem wichtiger ist, als die persönliche Entfaltung und die eigenen Wünsche. Im Nachwort wird das treffend mit dem Wort „Paralyse“ beschrieben, dass auch in den Geschichten selbst immer wieder vorkommt. Stellvertretend sei hier „Ein betrüblicher Fall“ angeführt: Ein alleinstehender und akkurater Angestellter lernt eine verheiratete, aber einsame Frau kennen. Gemeinsame Unternehmungen schüren die gegenseitige Zuneigung, der sie schließlich mit einer Berührung Ausdruck verleiht. Verschreckt und gefangen in den gesellschaftlichen Konventionen beendet er die Beziehung. Jahre später liest er vom tragischen Tod der Frau, die nach der Trennung, zunehmend vereinsamt, dem Alkohol zusprach. Er erkennt seine Mitschuld an ihrem Schicksal und hinterfragt nun auch sein eigenes freudloses Leben ohne jedoch Konsequenzen daraus zu ziehen.

Joyce zeichnet ein sehr lebendiges Bild von Dublin

Ja, ich habe mich mal wieder an einen sogenannten Klassiker gewagt. Obwohl ich die ja immer ein wenig fürchte. Ich habe immer Angst, dass ich das Genie dahinter verkenne, weil ich das Werk in einem anderen Jahrhundert lese. Oder vielleicht auch einfach nur ignorant bin.
Tja, also James Joyce mit „Dubliner“ reiht sich irgendwo in der Mitte ein. Ich könnte nicht behaupten, dass ich es herausragend finde. Aber bemerkenswert trifft es ganz gut.
Die Geschichten selbst sind wie schon in der Inhaltsangabe geschrieben zumeist traurige oder gar tragische Szenarien aus dem Alltag. Sie vermitteln Depression, Enge, Ausweglosigkeit. Vielleicht mag ich sie deswegen nicht. Es gibt keine Hoffnung. Ich glaube das ist auch genau das was Joyce damit ausdrücken will. Eine Gesellschaft, die gefangen ist in Konventionen und keine Hoffnung hat. Und wenn doch, dann wird diese schnell erstickt. Alles in allem also ziemlich deprimierend.
Im Übrigen habe ich mich keineswegs gelangweilt bei der Lektüre. Wenn die Geschichten für mich auch vom Grundtenor zu traurig waren, so fand ich sie dennoch spannend und sehr interessant.
Was mir gefallen hat und was ich so bemerkenswert finde, ist die Fähigkeit des Autors mich in diese Welt mitzunehmen. Diese realitätsnahen Schilderungen ganz normaler Stunden und Tage verschiedenster Protagonisten, haben mir ein (zwar trauriges, aber auch) sehr lebendiges Bild von Dublin vermittelt. Ich spürte, dass Joyce mit dieser Stadt unwiderruflich und bis ins Innerste verbunden ist, sie aber trotzdem nicht uneingeschränkt liebt.
Es wird viel gesprochen in den Geschichten. Das war für mich oft irritierend, da Dialoge nicht mit dem bei uns üblichen Anführungszeichen gekennzeichnet sind. Vielmehr werden am Zeilenanfang Bindestriche verwendet. Das ist bei längeren Gesprächen aber trotzdem wenig hilfreich. Ich weiß nicht ob das damals so üblich war oder ob es ein ganz bestimmtes Stilmittel ist. Für mich hat es das Lesen erschwert.
Kann ich das Buch jetzt empfehlen oder nicht? Hmmm … es ist sicherlich nicht jedermanns Sache. (Gut, das trifft ja irgendwie auf jedes Buch zu.) Ich sage aber trotzdem mal zaghaft ja. Ich finde es ist lesenswert. Wer sich unsicher ist, sollte einfach mal eine Leseprobe machen.

Hat von Euch schon jemand „Dubliners“ gelesen? Wie fandet Ihr das Buch? Mich würde Eure Meinung interessieren.

Mehr Klassiker:

Emily Brontë: Sturmhöhe
H.G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau
Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Autorenporträt
James Joyce, geboren am 2. Februar 1882 in Dublin, besuchte Jesuitenschulen und studierte am University College in Dublin Englisch, Französisch und Italienisch. 1904 verließ er für immer seine Heimat und lebte in Triest, Paris und Zürich. Noch in Dublin konnte er drei Erzählungen aus den >Dubliners< in einer Zeitschrift unterbringen, die jedoch mit Rücksicht auf ihre Leserschaft weitere Veröffentlichungen ablehnte. Erst 1914 erschien die Buchausgabe in London. Auch der Fortsetzungsvorabdruck seines berühmten Romans >Ulysses< in einer amerikanischen Zeitschrift wurde wegen Unmoralität verboten. Die Erstausgabe erschien 1922 in Paris; 1939 folgte sein epochales letztes Werk >Finnegans Wake

Buchinfo
„Dubliner“ von James Joyce, erschienen Oktober 2012 bei dtv
Taschenbuch: 320 Seiten, € 9,90, ISBN: 978-3-423-14069-0 (Lehrerprüfexemplar)
eBook: 256 Seiten, € 8,99, ISBN: 978-3-423-40978-0

Quellen
Bild+Autorenporträt: www.dtv.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

5 Gedanken zu “James Joyce: Dubliner

  1. Hallo!
    Ich habe das Buch einmal angefangen, aber leider noch nicht fertig gelesen [ich hatte gedacht Elternkarenz waere wie ein langer Urlaub, da kann man gleich den SuB verringern- das klappte dann nicht ganz so gut ;)].
    Ich finde deine Rezension sehr treffend. Die Grundstimmung des Buches ist bedrückend. Die einzelnen Geschichten zogen mich aber ebenfalls insofern in den Bann, als ich immer auf den Eintritt eines außergewöhnlichen Ereignisses / einer ganz besonderen Wende im Leben des Protagonisten wartete, wie es doch meist in Erzählungen vorkommt. Diese Höhe- oder Wendepunkte erschienen dann aber oft recht banal, sodass sie aus Sicht des Lesenden die Spannung nicht direkt belohnten. Auch das abrupte Verlassen der einzelnen Szenen bewirkte bei mir das Gefühl, dass noch etwas fehlen würde (wie bei manchen offenen Enden). Gerade diese Alltäglichkeit und die Tatsache, dass die Schicksale in gewisser Weise selbstverschuldet waren (durch konformitätsgetriebene Entscheidungen in einer sehr rauen, traditionellen Gesellschaft), ließen mich aber letztendlich grübelnd und noch länger nachsinnend zurück. Und ich möchte das Buch bei Gelegenheit weiter lesen.
    Lieber Gruß, M.MAMA

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    • Hallo M.Mama,
      danke für Deinen Kommentar.
      Ich habe zwar keine Kinder, kann mir aber vorstellen, dass in der Elternzeit nicht viel Zeit und Muße zum Lesen bleibt.
      Aber ich kann Dich nur darin bestärken alle Geschichten von „Dubliner“ zu lesen. Wie Du sagst, ist es eben kein Buch, dass man einfach so weg legt und vergisst, sondern es bleibt definitiv im Gedächtnis.
      Viele Grüße
      Susanne

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