Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter

Nach dem Freitod ihrer Mutter Lucile stellt sich für Delphine de Vigan – wie für alle anderen Hinterbliebenen – die Frage nach dem Warum. Der Gedanke als Schriftstellerin ein Buch darüber zu schreiben liegt durchaus nahe, brauchte aber einige Zeit bis zur Verwirklichung.

Delphine hat mit Geschwistern, Tanten und Onkeln, Freunden der Familie gesprochen, hat Texte aus Luciles Hinterlassenschaft durchforstet, alte Bilder und Filme gesichtet, aber auch einzigartige Tonbandaufnahmen ihres Großvaters angehört. Daraus und aus ihren eigenen Erfahrungen schildert sie das Leben ihrer Mutter.Das Lächeln meiner Mutter
Lucile wächst als drittes von neun Geschwistern in einer Großfamilie auf. Sie ist die stillste von allen und beobachtet lieber als sich einzumischen. Sie ist schön und genießt es, allein mit ihrer Mutter zu Fototerminen für Werbeaufnahmen zu gehen. Dazu hat sie eine besondere Verbindung zu ihrem Vater. Erstes traumatisches Erlebnis ist der Tod ihres kleinen Bruders – der wenig später „ersetzt“ wird durch ein Pflegekind. Damit scheint der Grundstein für alle folgenden tragischen Ereignisse gelegt. Immer wieder wird die Familie erschüttert – sei es durch Freitod oder die Geburt eines behinderten Kindes, aber auch sexuelle Übergriffe. Demgegenüber stehen scheinbar unbeschwerte Sommer und eine unverbrüchliche Liebe zwischen Luciles Eltern.
Schon früh wird Lucile schwanger und heiratet den Vater des Kindes. Nach einigen Jahren und einem weiteren Kind zerbricht die Ehe. Die beiden Mädchen im schulpflichtigen Alter müssen schließlich mit ansehen wie ihre Mutter einen manischen Schub erleidet und in eine Psychiatrie eingewiesen wird.
Lucile wird später entlassen, doch weitere Psychiatrieaufenthalte folgen. Zu den Nebenwirkungen der Medikation erschüttern weitere Suizide, finanzielle Sorgen und Alkoholexzesse ihr Leben. Die Trennung von ihren Kindern ist für Lucile jedoch das Schlimmste. Spät kann sie ihrem Leben eine Wendung geben. Sie erlernt einen neuen Beruf, der sie mit Freude und Tatendrang erfüllt. Und sie baut eine gute Beziehung zu ihren Töchtern auf. Hütet sogar deren Kinder.
Der Tod ihrer Mutter und eine Krebserkrankung ringen Lucile aber schließlich die endgültige Entscheidung ab.

Ein explosives Meisterwerk

Dieses Buch gleicht einer Explosion: ist man zunächst beeindruckt vom durchaus ästhetischen Anblick, der Vitalität und Schönheit, wird man früher oder später von der Druckwelle erfasst, muss ohnmächtig ansehen, welche Wunden sie schlägt und nimmt schließlich die verheerenden Verwüstungen und Langzeitschäden war.
Es ist eine grandiose Gratwanderung in der Erzählung einer Familiengeschichte und des Porträts einer zwiespältigen Frau. Die Rekonstruktion des Lebens von Lucile und Delphines Schilderung zur Entstehung des Buches fügen sich ineinander wie ein Diptychon. Eines wäre ohne das andere nicht vollständig.
Bemerkenswert ist auch, dass Delphine de Vigan sich gerade bei der Schilderung von Weggefährten ihrer Mutter oder auch den Lebenswegen der Onkel und Tanten und Geschwister auf das Nötigste beschränkt. Begebenheiten die nur das Leben dieser Personen betreffen lässt sie völlig außen vor. Tragödien werden nur insofern beschrieben, als sie eine Auswirkung auf Luciles Leben haben.
Es ist gelungen, das wechselhafte Leben einer Frau zu zeichnen, die zwar tief gefallen ist, sich aber auch wieder aufgerichtet hat, die Fehler gemacht hat auf ihrer Suche nach Glück und die auf die ihr eigene Art äußerst liebevoll war.

Autorenporträt
Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, wo sie heute noch mit ihren zwei Kindern lebt. Sie arbeitet tagsüber für ein soziologisches Forschungsinstitut und schreibt nachts, wenn alle schlafen, ihre Romane. Ihr dritter Roman, „No & ich“, wurde in 11 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet (u. a. 2008 mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International). Auch „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ war für den Prix Goncourt nominiert.

Buchinfo
„Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan, erschienen März 2013 bei Droemer, Hardcover, 384 Seiten, € 19,99, ISBN: 978-3-426-19946-6

Quellen
Bild: www.droemer-knaur.de / Text: Susanne

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