L.Greiner / C. Padtberg: Ich muss mit auf Klassenfahrt …

Eltern-sein ist in der heutigen Zeit ganz schön schwierig. Keinem kann man es recht machen. Erfüllt man dem Nachwuchs mal einen Wunsch nicht und ruft so Tränenströme hervor ist man Rabenmutter/-vater. Liest man dem Goldschatz aber jeden Wunsch von den Augen ab, ist man ein Helikopterelternteil. Vor allem letzteren ist dieses Buch gewidmet, denn der Spiegel Online hat mal wieder Erfahrungsberichte gesammelt und zwischen zwei Buchdeckel gepresst.

In der 8. Klasse habe ich eine Schülerin, deren Mutter jeden Morgen mit in den Raum kommt, die Fenster öffnet und beim Auspacken hilft. Den Rucksack trägt das Mädchen selbstverständlich auch nie selbst. (Zitat Seite 91)

_Ich muss mit auf KlassenfahrtTagtäglich sehen Eltern sich mit Situationen konfrontiert in denen sie entscheiden müssen, was das Beste für ihr Kind ist. Die sogenannten Helikoptereltern entscheiden sich regelmäßig dafür, ihrem Nachwuchs das Leben so leicht wie möglich zu machen. Es wird behütet und umsorgt, von A nach B transportiert, vor böswilligen Erzieherinnen und Lehrern beschützt und überhaupt soll das Kind nur positive Erlebnisse haben.
Dank dem Aufruf von Spiegel Online sind in diesem Buch unzählige Anektdoten von Helikoptereltern versammelt. Es berichten unter anderem gepeinigte und genervte Kita-Mitarbeiter, Ärzte und Schwestern aus Krankenhäusern und Lehrkräfte. Auch andere Eltern, die ihren Kindern auch negative Erfahrungen wie eine schlechte Zensur nicht ersparen, erzählen von ihren Erlebnissen mit den Übermüttern und –vätern. Sogar Arbeitgeber tragen bei mit Anekdoten von Eltern die den zwischenzeitlich volljährigen Nachwuchs zu Bewerbungsgespräch und sogar am ersten Arbeitstag begleiten.
Eine bunte Sammlung verschiedenster Begebenheiten angefangen bei der Schwangerschaft bis hinein ins Erwachsenenalter. Und am Ende kommen sogar noch einige der überbehüteten Kinder zu Wort.

Sind Eltern echt so nervig?

Ich gebe zu, dieses Buch erfreut mein Lästerherz. Viele der geschilderten Begebenheiten haben mich mit offenem Mund und Kopfschütteln dasitzen lassen. Können Eltern tatsächlich so nervig sein und kontrollieren alles was ihre Kids machen? Offenbar ja – zumindest einige. Traurige Sache eigentlich.
Das Buch voller kurzer Anekdoten ist sozusagen chronologisch aufgebaut. Schon während der Schwangerschaft wird da helikoptert was das Zeug hält. Und wenn das Kind in die Kita oder gar die Schule muss, dann geht’s erst richtig los.
Ich habe mich bei der Lektüre durchaus amüsiert und oft laut gelacht, über all die absurden Erlebnisse, die da geschildert werden. Im Endeffekt ist es aber eher zum Heulen, dass diese überfürsorglichen Eltern ihre Kinder eben nicht Kinder sein lassen. Da kann nicht selbstständig die Welt entdeckt werden, man darf keine Herausforderung meistern und lernt nicht aus Rückschlägen. Eine fatale Erziehung.
Aber ja, es ist heutzutage wohl verdammt schwierig, sein Kind „richtig“ zu erziehen. Denn für jeden ist „richtig“ etwas anderes. Hier ein Mittelmaß zu finden ist eine Kunst. Dass Eltern Angst haben um ihr Kind, dass sie es beschützen wollen und ihm möglichst viele Erfolgserlebnisse wünschen – ich glaube, das ist ganz normal. Es ist aber auch Fakt, dass es im Leben nicht nur Erfolg gibt bzw. man diesen ohne eine Niederlage zwischendurch nicht zu schätzen weiß. Und Niederlagen muss man lernen. Jeder muss lernen, dass es nach einem Rückschlag eben auch weiter geht, dass man daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen kann.
So lustig oft die abstrusen Begebenheiten im Buch sind, ich hätte mir gewünscht, dass mehr Betroffene Kinder am Ende zu Wort kommen. Damit das Buch vielleicht auch für die besagten Helikoptereltern eine Lektüre sein kann und sie vielleicht zum Umdenken angeregt werden.

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Autorenporträts
Lena Greiner, Jahrgang 1981, stammt aus Hamburg. Sie studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Hamburg, Berlin und Washington, DC. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als freie Journalistin und schrieb vor allem über Bildungspolitik. Seit 2013 ist sie Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

Carola Padtberg, geboren 1976 im Rheinland, studierte Englische Literatur und Politik in Bonn und London. Sie volontierte bei ZEIT online und ist seit 2005 Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE, aktuell im Ressort Kultur. Die Mutter von drei Kindern lebt und arbeitet in Hamburg.

Buchinfo
„Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen! Neue unglaubliche Geschichten über Helikoptereltern“ von Lena Greiner und Carola Padtberg, erschienen bei Ullstein
Taschenbuch: 224 Seiten, € 10,00, ISBN-13 9783548377940
eBook: 224 Seiten, € 9,99, ISBN-13 9783843718448

Quellen
Bild/Autorenporträt: www.ullstein-buchverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

2 Gedanken zu “L.Greiner / C. Padtberg: Ich muss mit auf Klassenfahrt …

  1. Naja… für mich gehört zum helikoptern mehr, als sich nur um das Kind zu sorgen. Ich habe es meinen Kindern auch gerne leicht gemacht, allerdings glaube ich, nicht immer zu leicht. Was ich nicht gemacht habe, ist das ständige kontrollieren bei allem und jedem was sie getan haben. Kinder müssen auch etwas alleine und dabei auch Fehler machen dürfen.
    Es ist für Eltern allerdings auch manchmal schwierig zwischen ‚zuviel und zu wenig‘ zu unterscheiden. Viel zu groß sind die Einflüsse, die andere von außen nehmen. Da wird einem als Elternteil auch ungewollt suggeriert, was richtig und was falsch ist. Die Kunst ist es, für sich einen Weg zu finden, mit dem man selber gut zurechtkommt und das Kind natürlich auch.

    Ob man es wirklich richtig gemacht hat, sieht man ohnehin erst, wenn die Kinder erwachsen sind.
    Und by the way: andere wissen ohnehin immer besser wie man die eigenen Kinder erzieht

    Gefällt 1 Person

    • Hallo,
      danke für Dein Feedback.
      Helikoptern ist definitiv mehr als sich zu sorgen und seinen Kind den Weg etwas zu ebnen. Es bedeutet in meinen Augen die ständige Überwachung und Optimierung des Kindslebens und aller Beteiligten.
      Inzwischen bin ich ehrlich gesagt, froh, keine Kinder zu haben. Wie Du sagt, wissen andere ja immer besser als die Eltern selbst was das Beste für das Kind ist. Dazu der eigene Druck alles richtig machen zu wollen. In meinen Augen ist Kindererziehung schon fast eine Gratwanderung, um die ich niemanden beneide. Zumal ja auch jedes Kind anders ist und andere Bedürfnisse hat.
      Sogar bei mir verursacht die Vorstellung mein vielleicht 6jähriges Kind alleine auf den Schulweg zu schicken, selbst wenn er noch so kurz ist, Bauchschmerzen. An andere Situtationen mag ich noch gar nicht denken.
      Im Übrigen denke ich dürfen Eltern auch Fehler machen, sie müssen es in meinen Augen sogar. Schließlich ist niemand unfehlbar. Und ein Kind soll ja auch durch Anschauung lernen, dass es eben Fehler gibt, dass sie Konsequenzen haben und wie man damit umgeht.

      Viele Grüße und einen schönen Sonntag
      Sanne

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