BüRü: Julie Kavanagh: Nurejew

Schon bevor ich diesen Blog hier gestartet habe, schrieb ich Rezensionen. Darunter waren viele Bücher, die mich in irgendeiner Weise (in der Regel positiv) beeindruckt haben. Und es wäre schade, wenn man sich immer nur mit Neuerscheinungen beschäftigt ohne auch mal zurück zu blicken. Daher möchte ich Euch unter der neuen Kategorie „Bücherrückblick“ – kurz BüRü – eben die Bücher vorstellen, die zwar nicht neu, aber eben für mich sehr nachhaltig sind. Viel Spaß dabei.

Einer der berühmtesten Balletttänzer ist Rudolf Chametowitsch Nurejew. Ein russisches Tanztalent, das seiner Heimat notgedrungen den Rücken kehrt, um die westliche Welt in seinen Bann zu ziehen. Zum einen mit seinem ungewöhnlichen Tanzstil, seiner Energie auf der Bühne und zum anderen mit seiner beeindruckenden Persönlichkeit und seiner Hingabe.

NurejewBereits die Umstände seiner Geburt scheinen auf sein späteres ruheloses Leben hinzudeuten. Rudolf Nurejew wird im Jahr 1938 in einem Zug geboren. Er ist das jüngste von vier Kindern und als einziger Junge der Stolz seines Vaters. Da dieser allerdings als Soldat kaum zu Hause ist, ist die Beziehung zwischen Vater und Sohn wenig innig. Die Familie ist arm und zieht immer wieder um. Letzte Station ist Ufa.
An einem Silvesterabend schmuggelt Mutter Nurejew all ihre Kinder in eine Ballettvorführung. Rudolf ist gerade mal 5 Jahre alt und völlig fasziniert. Postwendend beschließt er, dass auch er einmal auf einer Bühne stehen und tanzen und die Menschen damit verzaubern will. Er nimmt Ballettunterricht ab dem Jahr 1943.
Als Teenager erhält er ein Stipendium und kann hiermit in Leningrad an der renommierten Waganowa-Akademie seine Tanzausbildung weiterführen. An der Akademie begegnet er Alexander Puschkin. Dieser ist ihm nicht nur Tanzlehrer, sondern auch privat Mentor und Freund. Früh macht sich Rudolfs Begabung und seine immense Energie beim Tanzen bemerkbar. Doch auch seine Eigenwilligkeit, regelrecht Unbezähmbarkeit wird deutlich. In Russland Eigenschaften die mit dem herrschenden System nicht vereinbar sind.
Dennoch wird er in die Ballettgruppe des Kirow-Theaters aufgenommen. Damit erhält er auch die Möglichkeit im westlichen Ausland aufzutreten. Rudolf ist ein Freigeist, sehnt sich danach seine westlichen Vorbilder zu treffen und von ihnen zu lernen. In Russland ein Ding der Unmöglichkeit.
Während einer Tournee mit dem Kirow-Ballett stehen auch Auftritte in Paris auf dem Programm. Der junge Tänzer ist fasziniert von der Stadt. Immer wieder verstößt er gegen die Regeln, trifft sich mit jungen Franzosen und gerät so ins Visier des KGB. Auf dem Flughafen von Paris kommt es zum Eklat. Rudolf soll zurück nach Moskau fliegen – und weigert sich. Er beantragt politisches Asyl in Frankreich und entgeht so den Fängen von Russlands Schergen. Seine Flucht in den Westen wird noch so manches Mal für Unruhe bei seinen Engagements sorgen. Familie und Freunde haben fortan unter Bespitzelung durch den KGB zu leiden.
Immer wieder in den kommenden Jahren macht Rudolf Furore auf den Ballettbühnen dieser Welt. Er trifft seine Idole und lernt von ihnen – und umgekehrt. Mit seinem Vorbild Erik Bruhn verbindet ihn lange Zeit eine Beziehung, wenn beide auch oftmals räumlich getrennt sind. Darüber hinaus lernt er Stars und Sternchen kennen. Versucht sich als Choreograph und Dirigent, gerät immer wieder mit anderen Tänzern, Choreographen, Regisseuren aneinander. Er ist unbändig. Sowohl beim Tanzen, als auch im Privatleben. Überall sucht er Abenteuer, Spass, zeigt und geniesst seinen Wohlstand.
Als er sich den HI-Virus zuzieht leugnet er die Infektion. Sogar als er bereits an AIDS erkrankt, versucht er die Öffentlichkeit zu täuschen. Im Januar 1993 stirbt Rudolf Nurejew im Alter von 54 Jahren an den Folgen seiner Erkrankung.

Lohnenswert, aber überfrachtet mit Details

Weniger wäre mehr – dies trifft zweifellos auf diese Biographie zu. Auf den etwas mehr als 900 Seiten der puren Lebensgeschichte des umtriebigen Tänzers wird der Leser überschüttet mit Details. Beinahe minutiös wird Nurejews Leben aufgelistet. Fehlt lediglich, dass erzählt wird, was es zum Frühstück, Mittag und Abendessen gab. Zudem wird mit Namen aus seinem Umfeld in schlichtweg verwirrenderweise und einfach verschwenderisch um sich geworfen. Eine Beschränkung auf die wirklich relevanten Personen wäre wünschenswert.
Rudolf Nurejew ist zweifellos ein äußerst interessanter Mann und Charakter, sein Leben spiegelt das nicht minder wieder. Was wiederrum seine Biographie zu einer durchaus lohnenswerten Lektüre macht. So unkompliziert und angenehm der Schreibstil der Biographie aber auch ist, auf Dauer ermüdet die Detailversessenheit der Autorin extrem. Mit zunehmender Seitenzahl sinkt das Lesevergnügen. 100-200 Seiten weniger wären Nurejew vermutlich auch gerecht geworden.
Erfreulich in jedem Falle sind die drei eingefügten Bilderserien aus seinem Privat- und Berufsleben. Ergänzt wird das beinahe schon monumentale Werk von diversen Quellenhinweisen u.ä.
Wie gesagt – die Lektüre ist durchaus lohnenswert. Man benötigt allerdings wirkliches Interesse und auch Durchhaltevermögen bzw. die entsprechende Zeit, um sich dem umfangreichen Werk zuzuwenden.

 

Autorenporträt
Julie Kavanagh absolvierte die Royal Ballet School in London, studierte in Oxford englische Literatur und machte als Journalistin Karriere. Nach Stationen bei Vogue undThe Spectator leitete sie die Londoner Redaktionenvon Vanity Fair und The New Yorker. 1997 begann sie mit der Arbeit an ihrer Nurejew-Biografie

Buchinfo
“Nurejew – Die Biographie“ von Julie Kavanagh, erschienen Oktober 2008 bei Propyläen (Ullstein Buchverlage)
Hardcover:  Gebunden, 992 Seiten, 48 Seiten s/w-Abbildungen, € 29,90, ISBN-10: 354907347x, ISBN-13: 9783549073476
(Das Buch ist im Ullstein-Programm leider nicht mehr enthalten.)

Quellen
Bild+Autorenporträt: www.ullsteinbuchverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

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