Anekdoten aus Schottland 13: Begegnung mit den Robben

Ganz früh geht es los an diesem Dienstag. Die erste Fähre auf der ich einen Platz gebucht habe, legt kurz nach 7Uhr ab. Vor und während der Überfahrt bin ich total hibbelig. Werden die Robben da sein? An der gleichen Stelle? Genauso viele? Komme ich da dann überhaupt hin?

Sobald Gills Bay auch nur halbwegs in Sicht kommt, zücke ich mein Fernglas. Und tatsächlich! Am selben Platz wie tags zuvor sehe ich einige der Tiere faul liegen. Wieder an Land halte ich im Hafen und überlege mir einen Schlachtplan. Schließlich ist das kein einfacher Strandspaziergang. Die Robben liegen nämlich ein ganzes Stück entfernt vom Hafen und dazwischen befinden sich nach wie vor die Bagger und offensichtlich eine Baustelle. Da werde ich wohl nicht so einfach durchlaufen können.

Dieser Weg wird kein leichter sein...

Dieser Weg wird kein leichter sein…

Bei einer Fahrkartenverkäuferin erkläre ich meine Robbensichtung und erkundige mich, ob der Strand Privatbesitz ist oder sonstwie verbotene Zone. Sie verneint und bittet mich nur lächelnd vorsichtig zu sein.

Ich versuche es zunächst doch von Seiten der Baustelle her. Oder über einen Weg dicht dahinter, wo eine hohe Böschung ist mit mannshohem Gras und Gestrüpp. Ich scheitere bzw. gebe auf, weil ich absolut nicht sehen kann wo ich hintrete. Das hat so keinen Sinn.

Ein Aussichtspunkt in der Nähe fällt mir ein und ich fahre dort hin. Er liegt quasi geradewegs mit den Robben auf einer Linie. Nur weiter oben. Ich schnalle mir meine Trekkingschuhe an, weil ich keine Gummistiefel dabei habe. Dann schnappe ich mir mein Fernglas und meine Digicam und los geht es.

Ich eiere den Hügel hinunter. Das Gras ist hier nur kniehoch, immerhin kann ich halbwegs sehen wo ich hintrete. Der Strand besteht nur aus Steinen. Großen und kleinen, spitzen und runden. Die Färbung reicht von schmutzig-weiß bis rötlich braun bis zur Wasserlinie. Bis zu den Robben ist es nach meiner unqualifizierten Schätzung vielleicht 100-120m. Das sind 100-120m über rutschige, teils mit Algen bedeckte Steine und größere Pfützen und kleinere Bäche. Wie ein fetter, ungeübter und betrunkener Artist balanciere ich über das Gelände. Ganz nebenbei versuche ich mir den „Weg“ irgendwie zu merken.

Ein kleiner Vogel – dessen Namen ich mal wusste – schreit ganz aufgeregt. Ich schätze, sein Nest ist hier in der Nähe. Aber zwischen den Algen und den Steinen kann ich das eh nicht sehen. Immer wieder prüfe ich den Abstand zu den Robben und ob ich noch in die richtige Richtung laufe. Tue ich. Ohne Stock oder anderes Hilfsmittel ist es gar nicht so einfach immer das Gleichgewicht zu halten, wenn man ständig abrutscht. Schließlich habe ich gängigeres Gelände erreicht. Hier sind nur noch vom Wasser glatt geschliffene Sandsteine, auf denen sich ganz gut laufen lässt. Zu den Robben sind es noch ca. 40m.

Vorsorglich schieße ich schon mal ein paar Fotos. Nur für den Fall, dass die gleich alle aufspringen und ins Wasser abhauen. Mit Blick durchs Fernglas zähle ich auf der Landzunge über 30 Robben. Langsam gehe ich weiter, bleibe alle paar Schritte stehen für weitere Bilder. Ich habe extra dunkle Klamotten angezogen, damit ich nicht als grellroter oder oranger Eindringling daher komme. Aber die Tiere sind ja nicht blöde und bemerken mich natürlich. Ihre Köpfe sind in meine Richtung gewandt. Für die bin ich ja quasi eine vertikale Robbe. Die Figur würde jedenfalls passen.

Neugier herrscht auf beiden Seiten

Neugier herrscht auf beiden Seiten

Sie beobachten mich mindestens genauso aufmerksam wie ich sie. Einige verkrümeln sich tatsächlich ins Wasser. Ich kichere in mich hinein, als ich die typische Fortbewegungsart, dieses Hüpfen ohne Beine, zu sehen kriege. Kurz überlege ich tatsächlich mich auf den Bauch zu legen und weiter zu kriechen. Ein Blick auf die feuchten und bemoosten Steine hält mich aber davon ab. Ich mache mich trotzdem etwas kleiner.

Als ich schließlich nur noch geschätzte 20m von den Robben entfernt bin, habe ich ihre volle Aufmerksamkeit. Ich beschließe mein Glück nicht auszureizen und die Tiere auch nicht weiter nervös zu machen. Das ist hier ja schließlich kein Zoo. Still setze ich mich auf einen etwas höheren Stein, um die Tiere weiter in Ruhe anzusehen und noch mehr Fotos zu machen. Hoffentlich hält der Kameraakku!

Ich genieße die Ruhe und freue mich einmal mehr darüber, dass es nicht regnet und nicht so kalt ist. Im Wasser entdecke ich immer wieder Köpfe von weiteren Robben, die neugierig ans Ufer schauen. Die Kollegen auf der Landzunge haben sich etwas beruhigt und dösen weiter vor sich hin. Es ist ein unglaubliches Erlebnis. Mit nichts auf der Welt zu bezahlen. Ich kann nicht fassen, dass ich wirklich so nah dran bin. Das ausgerechnet ich das wirklich erleben darf. Einmal mehr fühle ich mich sehr reich beschenkt in diesem Urlaub.

Nach 10-15 Minuten schrecke ich dann doch auf. Der Gedanke nach den Gezeiten schießt mir durch den Kopf. Im Moment haben wir ja offenbar Ebbe. Aber wann kommt die Flut??? Und wenn sie kommt, wie stark ist sie tatsächlich? Horrorberichte von unvorsichtigen Strandspaziergängern die von der Flut überrascht wurden flutschen durch mein Hirn. Man liest ja immer, dass das Wasser ziemlich schnell kommt. Stimmt das?

Ganz spontan entschließe ich mich zum Aufbruch. Über die geraden Felsen komme ich ja ganz gut und fix voran. Doch der restliche Weg über die nassen Steine, die Algen und durch die Pfützen ist jetzt irgendwie deutlich beschwerlicher. Und die Pfützen sind auch größer. Irgendwie. Natürlich weiß ich nicht mehr welchen Weg ich vorhin genommen habe. Nur am Rande nehme ich wieder das aufgeregte Piepsen des Vogels wahr. Bin ich wohl doch richtig, wenn der mich wieder so anschreit.

Doch dann stehe ich vor einem echt großen und tiefen Wasserloch. Ich müsste zwar nicht schwimmen, aber einfach drüber hüpfen ist auch nicht drin, wegen der schlüpfrigen „Landebahn“. Leichte Panik kommt in mir hoch. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir „Deutsche Touristin in der Flut ersoffen“ – obwohl, das würde ja niemand mitbekommen. Nur mein verwaistes Auto würde irgendwann auffallen. Keine Sau weiß wo ich bin. Ich könnte mir hier das Bein brechen oder den Schädel anschlagen und bewusstlos von der Flut erfasst werden ….. ohhhhhhh mein Gott, ich werde sterben! Okay, es ist keine leichte Panik. Es ist ein ausgewachsener Anfall.

Das rettende (trockene) Ufer ist ziemlich weit weg

Das rettende (trockene) Ufer ist ziemlich weit weg

Ein Blick zurück zum Meer zeigt mir, dass noch kein Wasser im Anmarsch ist. Ich atme also tief durch und befehle mir Ruhe. Schließlich gehe ich ein Stück zurück und finde einen anderen Weg, um trockenen Fußes bis zum Strand und zur Wasserlinie zu gelangen. Im Endeffekt wären nasse Füße eigentlich auch kein Drama gewesen. Ich habe im Auto ja frische Klamotten und Wechselschuhe dabei. Man ist halt pingelig.

Hinter der Wasserlinie angelangt, sammle ich noch ein paar Muscheln – so viel Zeit muss sein. Normalerweise nehme ich von meinen Reisezielen gern etwas Sand mit nach Hause, aber mangels Sand ist das hier nicht möglich.

Die Böschung kämpfe ich mich hinauf und stehe endlich wieder vor meiner kleinen Knutschkugel. Ich bin völlig aufgedreht – und nass geschwitzt. Ein paar Feuchttücher und frische Kleidung wirken Wunder.

Dann rufe ich meine Schwester an und berichte von meinem Abenteuer. Dass es eines war, davon bin ich nun überzeugt. Ein ziemlich blödes dazu. Andererseits: no risk – no fun. Ich sichte gleich noch die vielen Bilder auf meiner Kamera und muss heulen, weil sie so gut geworden sind. Denn eigentlich bin ich keine wirklich begnadete Fotografin. Aber es ist wohl auch die schiere Menge – da müssen ja ein paar gute Bilder dabei sein.

Es ist noch nicht mal 10.00 Uhr und der Tag kann einfach nicht mehr schöner werden.

Mehr Anekdoten aus Schottland findet Ihr HIER

4 Gedanken zu “Anekdoten aus Schottland 13: Begegnung mit den Robben

  1. Wie schoen, dass jemand mal eins meiner deutschen Lieblingswoerter benutzt: hibbelig. Fidgety seals and hibbelige explorers. Fehlt nur noch der Dudelsack und Errol Flynn, der im Windjammer daher kommt und dich vor der Riesenpfuetze rettet, um dieses schottische Abenteuer a la Hollywood zu verfilmen. Nein aber ehrlich, was fuer ein tolles Robben Abenteuer, vertikal und horizontal.

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    • Hallo.
      Danke für die „Blumen“. 🙂
      Ich hätte mir lieber Johnny Depp auf der Black Pearl gewünscht, der mich vorm ertrinken errettet, aber im Ernstfall wäre ich wohl nicht wählerisch gewesen. *g* Da hätte es auch ein örtlicher Fischer getan.
      Ich hoffe, Du findest noch mehr Wörter die Dir gefallen in meinen Texten.
      Liebe Grüße nach London (das ich schmerzlich vermisse)
      sanne

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