BüRü: Christian Führer: Und wir sind dabei gewesen

Schon bevor ich diesen Blog hier gestartet habe, schrieb ich Rezensionen. Darunter waren viele Bücher, die mich in irgendeiner Weise (in der Regel positiv) beeindruckt haben. Und es wäre schade, wenn man sich immer nur mit Neuerscheinungen beschäftigt ohne auch mal zurück zu blicken. Daher möchte ich Euch unter der neuen Kategorie „Bücherrückblick“ – kurz BüRü – eben die Bücher vorstellen, die zwar nicht neu, aber eben für mich sehr nachhaltig sind. Viel Spaß dabei.

Eine der wichtigsten Begebenheiten in der jüngeren Geschichte ist der Fall der Mauer und der Zusammenschluss von BRD und DDR. In 2009 jährt sich dieses Ereignis bereits zum 20. Mal. Der 09. November als Tag des Mauerfalls im Jahr 1989 ist vielen ein Begriff. Und der 03. Oktober als Tag der Deutschen Einheit im Jahr 1990 hat sich als Feiertag ebenfalls etabliert. Dass jedoch die Geschichte bereits am 09. Oktober 1989 begann und der Grundstein noch viel früher gelegt wurde, wissen weit weniger Menschen. Pfarrer Christian Führer war unmittelbar am Geschehen beteiligt und berichtet über sein Wirken.

und-wir-sind-dabei-gewesenAls Christian Führer 1943 geboren wird ist noch nicht abzusehen, welche Rolle ihm die Geschichte – er würde wohl eher sagen Gott – ihm zugedacht hat. Er wächst in Sachsen als jüngster Sohn einer Pfarrersfamilie auf. Sein Leben ist geprägt von der Kirche, von Glauben und einem offenen, liebevollen Elternhaus. Sich am Beispiel seines Vaters orientierend studiert auch Christian Führer Theologie und wird Pfarrer.
Sein erster Wirkungsort sind die Gemeinden Lastau und Colditz. Gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Frau Monika packt er kräftig an. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die örtliche Kirche ist marode und bedarf einiger Reparaturen. Neben der Renovierung bringt er sich in die Gemeinden ein. Pfarrer Führer ist unermüdlich im Einsatz – ob in der Kirche selbst oder bei den Gemeindemitgliedern vor Ort.
1980 wird ihm die Nikolaikirche in Leipzig als Wirkungsort angeboten. Nach einigem Hin und Her greift Führer zu. Der Ortswechsel vom Land in die Großstadt ist nicht einfach. Vor allem seine Kinder sind nicht begeistert. Dennoch wird die Familie nach und nach heimisch. Auch in seiner neuen Gemeinde ist Christian Führer überaus engagiert. Ganz besonders die von der Gesellschaft benachteiligten Menschen liegen ihm am Herzen. Daher hängt bald das ungewöhnliche Schild „Nikolaikirche – Offen für Alle“ am Kirchentor. So manchem – nicht zuletzt dem Staat – ist dies ein Dorn im Auge.
Doch damit nicht genug. Eine seiner vielen Aktionen, die gleichzeitig auch die bekannteste und folgenreichste sein wird, sind die Friedensgebete. Jeden Montag um 17.00 Uhr versammeln sich die Menschen in der Leipziger Nikolaikirche und bitten um Frieden – um anschließend friedlich für ihre Belange zu demonstrieren.
In der DDR hat Kirche ohnehin einen schlechtem Stand. Mit den Friedensgebeten – und auch anderen Initiativen – gerät Pfarrer Christian Führer noch mehr ins Visier der Stasi. Was ihn nicht hindert weiter seinem Herzen und Glauben zu folgen. Immer wieder ruft er zur Gewaltlosigkeit auf. Dies gipfelt schließlich in der friedlichen Revolution am 09. Oktober 1989 in Leipzig. Dem folgt der Mauerfall und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten.
Doch auch nach diesem geschichtsträchtigen Ereignis ruht Christian Führer sich nicht aus. Mit den neuen Möglichkeiten ergeben sich auch neue Probleme, deren sich der unermüdliche Pfarrer annimmt. Ganz oben auf der Liste steht sein Engagement für Arbeitslose und auch der gewaltlose Kampf gegen das Nazitum. Aber natürlich auch der persönlichen Probleme der Menschen seiner Gemeinde bleibt er nicht verschlossen. Der Herr Pfarrer bleibt – wie seine Kirche – offen für alle.
Im März 2008 hat Christian Führer seinen Abschied von der Nikolaikirche genommen.

Lebendige und sympathische Lektüre

Wer könnte besser von der friedlichen Revolution 1989 in der DDR berichten, als der Initiator selbst? Trotz der vielen Bezüge zu Gott, habe auch ich als Atheistin die Autobiografie mit Freude und großem Interesse gelesen. Nicht zuletzt, da auch ich in der DDR geboren wurde und bis zu deren Ende meine Kindheit dort erlebte.
Die Lektüre ist lebendig und sympathisch, die geschilderten Ereignisse und das Engagement äußerst beeindruckend. Nicht nur um den sagenhaften 09. Oktober 1989 herum, sondern über den gesamten Wirkungszeitraum von Pfarrer Christian Führer. Die Persönlichkeit des Autors und Hauptprotagonisten besticht durch Bodenständigkeit, Kraft und Mut durch seinen Glauben und seinen unermüdlichen Einsatz.
Abgesehen von der geschichtlichen Bedeutung zeigt das Buch ein leuchtendes Beispiel, was man alles erreichen kann ohne Gewalt. Die eingefügten Bilder und Kommentare schaffen eine zusätzliche Nähe und Verbundenheit.
Eine ganz klare Empfehlung – nicht nur als Zeitzeugnis, sondern vor allem als außergewöhnliche Autobiografie mit geschichtlicher Relevanz. Pfarrer Christian Führer zeigt für mich deutlich: Geschichte lebt.

Autorenporträt
Christian Führer, geboren 1943 in Leipzig, war fast 30 Jahre lang Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig. Die Montagsdemonstrationen, die entscheidend zur friedlichen Revolution und dem Ende der DDR beitrugen, schlossen sich an die – von Pfarrer Führer geleiteten – Friedensgebete an. Seit der Wende setzt sich Pfarrer Führer besonders für Arbeitslose ein. 2005 erhielt er zusammen mit Michael Gorbatschow den Augsburger Friedenspreis.

Buchinfo
“Und wir sind dabei gewesen – Die Revolution, die aus der Kirche kam“ von Christian Führer, erschienen bei List
Taschenbuch: erschienen 2010, Broschur, 368 Seiten, € 9,99, ISBN-13 9783548609843

Quellen
Bild+Autorenporträt: www.ullsteinbuchverlage.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

Kennt Ihr dieses Buch? Wie hat es Euch gefallen? Ich freue mich auf Eure Meinungen.

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