Martha Lea: Die Entdeckungen der Gwen Carrick

Gwen lebt mit ihrer Schwester in Cornwall und führt ein eher eigenwilliges Leben. Als Edward auftaucht scheint sich ihr eine Möglichkeit zu bieten, ihre Träume zu verwirklichen. Gemeinsam gehen sie nach Brasilien, um ihren Entdeckergeist und die Freude an der Natur zu nähren. Doch so schön sich das auch anhört, besonders auf Gwen wartet eine böse Überraschung.

Gemeinsam mit ihrer Schwester Euphemia lebt Gwen in einem eher abgeschiedenen Haus in Cornwall. Während Euphemia nur im Haus hockt und öfter spiritistische Sitzungen abhält, ist Gwen viel in der Natur. Sie erforscht die heimischen Insekten, zeichnet und studiert die Flora und Fauna.
Dabei trifft sie eines Tages Edward. Der ist ganz fasziniert von der klugen jungen Frau und ihrem künstlerischen Talent und verliebt sich in sie. Immer wieder treffen sich die beiden außerhalb von Gwens Wohnhaus. Euphemia soll nichts davon erfahren. Und auch Edward soll seinerseits die eigenartige Schwester nicht kennenlernen.
Auch Edward hat ein Geheimnis. Er ist verheiratet. Wiederholt kehrt er nach London zurück, um den Schein zu wahren. Außerdem möchte er berühmt und anerkannt werden, aufgrund einer wichtigen Entdeckung. Gern denkt er sich Namen für ein von ihm entdecktes Insekt aus. Als er hört, dass in Südamerika noch unzählige Tiere im Dschungel auf ihre Entdeckung warten, beschließt er dorthin zu reisen. Und Gwen will er mitnehmen.
_Die Entdeckungen der Gwen CarrickSeine unwissende Geliebte stimmt seinem Plan freudig zu. Ohne große Tragik verlässt sie ihre Heimat und zieht mit Edward über den Ozean nach Brasilien.
Doch schon auf dem Schiff wandeln sich ihre zärtlichen Gefühle für ihren Gefährten. In Südamerika schließlich verflüchtigen sich fast alle positiven Gefühle gegenüber Edward. Denn der ist nur auf das Sammeln und konservieren insbesondere von Schmetterlingen aus. Sein Enthusiasmus gilt nicht der Natur an sich. Und auch nicht seiner kleinen Familie – denn seine Geliebte bekommt ein Kind von ihm. Darüber hinaus gesteht er Gwen keine eigenen Projekte zu und schnüffelt ständig in ihren Unterlagen.
Gwen lernt jedoch in Brasilien ihren zukünftigen Mann kennen. Sie beschließt Edward zu verlassen und ihre Tochter mitzunehmen. Doch sie hat die Rechnung ohne seine Hinterlist gemacht.
Parallel zur Geschichte wird ein Mordprozess in London begleitet, der einige Jahre nach der Abreise von Gwen und Edward stattfindet. Ausgerechnet Edward ist das Opfer.

Löchrig wie ein mottenzerfressenes Kleid

Es fällt mir schwer dieses Buch zu besprechen. Ich würde gern so viel Positives sagen, sogar schwärmen weil die Geschichte Potential hat und so schön sein könnte: Eine junge Frau, die sich verliebt und sich selbst verwirklichen will. Ein Mann der ihr das scheinbar bieten kann und mit ihr an einen exotischen Ort zieht. Sie könnten dort nach den Widrigkeiten in der Heimat schon glücklich sein. Oder wenn nicht, dann könnte sie in der neuen Heimat eine zarte Liebesgeschichte beginnen. Sie könnte sich von dem Blender lossagen und stattdessen mit ihrem neuen Mann gemeinsam ein Leben fern der Heimat aufbauen. Und dort für ihren Mut, ihr Können und ihre Entdeckungen gefeiert werden. So läuft das hier aber nicht. Schade.
Zunächst mal habe ich den Titel im Buch selbst nicht wieder gefunden. Die eine Entdeckung im wissenschaftlichen Bereich, die Gwen macht, wird eher beiläufig erwähnt und scheint den Titel nicht zu rechtfertigen. Und sollten die Entdeckungen im privaten Bereich gemeint sein, so kommt auch das nicht klar heraus. Alles bleibt irgendwie schwammig, nebulös. Oder weil im Buch immer wieder von Motten die Rede ist: die Geschichte scheint löchrig wie ein mottenzerfressenes Kleidungsstück. Es gibt Gedankensprünge und Ungereimtheiten, die sich womöglich auflösen, wenn man zwischen den Zeilen liest. Darin bin ich vielleicht nicht gut genug. Zumal es meiner Meinung nach mit all den Lügen von Edward und all den anderen Protagonisten auch ziemlich verwirrend ist.
Ich sage das nicht oft, aber das Buch könnte ein paar Seiten mehr vertragen auf denen noch die ein oder andere Erklärung zwischendrin steht.
Es ist schwierig, das Buch zu besprechen ohne zu viel zu verraten. Daher bin ich auch mit der Inhaltsangabe nicht recht zufrieden. Sie ist unzureichend, aber ohne Spoileralarm kann ich nicht viel mehr schreiben.
Vielleicht lest Ihr das Buch trotzdem und bildet Euch selbst eine Meinung. Schon damit ihr mir auf die Sprünge helfen könnt beim Verstehen.

Fragen über Fragen – Die Spoiler-Version der Rezension

Ich habe mich entschieden noch eine Spoiler-Version dieser Rezension zu schreiben. Wer das Buch also noch nicht gelesen hat und sich die Spannung erhalten will, bitte jetzt abschalten.
Wie oben schon gesagt, bin ich vielleicht begriffsstutzig und lese nicht gut genug zwischen den Zeilen. Manche Dinge erschließen sich mir im Buch nicht bzw. ich hätte mir eine ausführlichere Beschreibung gewünscht. Eben weil ich das Buch vom Grundtenor her schön finde und ganz viel Potential in der Geschichte sehe. Aber es sind so viele Kleinigkeiten, die mich beim Lesen und darüber hinaus beschäftigen. Und das stört mich einfach.
Die Familiengeschichte von Gwen und Euphemia Carrick wird nur in wenigen Sätzen erwähnt. Hier hätte ich mir mehr Infos gewünscht, warum insbesondere Euphemia so ist wie sie ist. Ob tatsächlich eine Geisteskrankheit vorliegt oder eine Abhängigkeit von Medikamenten? Und warum die Schwestern so ein ambivalentes Verhältnis zueinander haben.
Was ist mit Gwens Cousin der als enger Vertrauter und Freund bezeichnet wird? Er wird so überschwänglich in die Geschichte eingeführt und spielt dann keine weitere Rolle? Warum?
Weiß Edwards Frau Isobel von seiner Affäre in Cornwall? Wählt sie bewusst Euphemia aus, um mit ihrem toten Baby Kontakt aufzunehmen? Oder ist es Zufall? Oder war sie vielleicht sogar schon vor Edwards Affäre bei einer dieser spiritistischen Sitzungen?
Was hat es mit dem kleinwüchsigen Koch auf sich, den offenbar Isobel in das Haus der Carrick-Schwestern schickt? Was treibt Euphemia dazu ihm eines Tages ein Auge zuzunähen???!!! Und woran/warum stirbt der kleine Koch so plötzlich?
Woran stirbt Isobel? Wurde sie vergiftet?
Welche Rolle spielt Edwards Affäre mit einer komplett behaarten Künstlerin? Überhaupt seine Obsession mit Haaren?
Ist Gwen schon schwanger als sie England verlässt? Schließlich hat sie offenbar mit Edward in der neuen Heimat keinen Sex mehr. Wenn von ihrem „Zustand“ die Rede ist, wird das aber allgemein mit ihrem geheimen Status als seine Geliebte in Zusammenhang gebracht.
Gwens Begeisterung für ihre neue Umgebung erscheint mir recht verhalten. Sie zeigt nicht die Neugier, die ihr Enthusiasmus in Cornwall vermuten lässt. Es wird auch lediglich ein Experiment genannt, dass Gwen durchführt – die Ameisen und ihre damit verbundene Entdeckung. Dazu noch ein paar Notizen zu Schmetterlingen und Pflanzen. Dass alles wird aber nur nebenher erwähnt – es ist nicht Dreh- und Angelpunkt wie der Buchtitel vermuten lässt. Auch die zu erwartende Veröffentlichung von Gwens Entdeckung durch Edward wird nur nebenher erwähnt.
Und wenn mit dem Buchtitel die Entdeckungen gemeint sind die Gwen im privaten Bereich macht, finde ich das auch nicht gut umgesetzt. Zum einen weiß man aufgrund der vielen Intrigen und Lügen gar nicht mehr wer was jetzt ab wann wusste oder nicht. Zum anderen hatte ich nicht den Eindruck, dass es Gwen überhaupt tangiert, dass Edward sie hinsichtlich seiner Ehe belogen hat. Auch die Affäre mit der behaarten Sängerin scheint ihr egal zu sein. Und Edward wiederum scheint es völlig egal zu sein, dass Gwen das jetzt weiß. Es gibt nicht einmal eine Diskussion darüber, dass er dazu bereits vor Jahren einen Brief schrieb. Es wird auch nicht darüber gesprochen, dass diesen Brief offenbar Euphemia abgefangen hat. Es wird sowieso nicht über die Verwechslung von Euphemia und Gwen gesprochen.
Ihren späteren Ehemann Gus Pemberton trifft Gwen im Buch wie oft? Dreimal? Wie und wann verlieben sich die beiden? Wie und wann findet Gwen nach ihrer Trennung zu ihm und die beiden überhaupt zueinander?
Wie hat es Vincent Coyne, der Expeditionsbegleiter, geschafft, Gwen und Augusta zu entführen? Wo waren Gwen und ihre Tochter in der Zeit und wie haben sie zurück in die Zivilisation gefunden? Wer hat ihnen geholfen?
Welche Rolle spielt die Episode mit Michael Frome und dem Mikroskop? Dient die nur dazu Gwen Edwards Egoismus zu zeigen?
Welche Rolle spielt der kleine Edelstein, der immer mal wieder in 2-3 Sätzen erwähnt wird?
Und was um Gottes Willen soll am Ende noch Susans Bemerkung, dass sie die Schwestern ja so gut kennt und Euphemia gar nicht verrückt ist. Sondern etwas verstecken will, dass sie nicht sagen kann. Aber was?
Ihr seht schon, Fragen über Fragen. Mich würde interessieren, welchen Eindruck Ihr von dem Buch habt. Geht es Euch genauso? Empfindet Ihr es ebenso, dass die Geschichte zu viel im Dunkeln lässt? Und wenn Ihr das so seht, stört es Euch?

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Autorenporträt
Martha Lea, Jahrgang 1970, wurde in Leicester geboren und studierte bildende Kunst an der Falmouth School of Art and Design. Sie lebt zusammen mit ihrem Partner und zwei Kindern in den Fens in Ostengland. „Die Entdeckungen der Gwen Carrick“ ist ihr erster Roman.

Buchinfo
„Die Entdeckungen der Gwen Carrick“ von Martha Lea, erschienen bei Droemer Taschenbuch
Taschenbuch: 416 Seiten, € 10,99, ISBN: 978-3-426-30521-8
eBook: 416 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-426-42821-4

Quellen
Bild+Autorenporträt: www.droemer-knaur.de / Text (außer Autorenporträt): Susanne

 

Wenn Ihr das Buch auch gelesen habt, schreibt mir doch wie es Euch gefallen hat. Ich freue mich auf Eure Meinungen.

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