Ecu/Gal: Naturgewalten

28. Oktober 2015

Nach der vergleichsweise kurzen Wanderung von gestern, die ja trotzdem sehr anstrengend war, habe ich mich gegen alle weiteren Wanderungen durch den sogenannten Primärwald entschieden. Daher steht heute das Fischen auf traditionelle Art und das Gold waschen auf dem Programm. Neben Juan begleitet mich heute Clara und wird übersetzen. Sie ist nett und quirlig, aber leider sprachlich noch nicht so versiert wie Hannah. Das ist insofern schade, als sie nicht alles was Juan sagt übersetzen kann und auch meine Rückfragen mühsam bis gar nicht dolmetscht. Aber nun ja.

Goldwaschen ist Knochenarbeit

Wieder bringt uns ein Kanu flussaufwärts. An einem Steinstrand werden wir „ausgesetzt“. Zuerst wollen wir Gold waschen. Dafür suchen wir eine Stelle aus von der wir alle größeren Steine entfernen, um an den feuchten Sand darunter zu kommen. Das nimmt durchaus 15 Minuten in Anspruch. Der gelockerte Dreck kommt dann in eine hölzerne, runde, relativ flache Schüssel. Wir häufen ganz schön viel da rein.

Juan stellt die Schüssel in den Fluss, damit sie gerade so von Wasser bedeckt ist. Dann sortieren wir nochmal größere Steine aus. Erst dann beginnt Juan zu waschen. Keine Ahnung ob Ihr das schon mal irgendwo gesehen habt: Er schwenkt die Schüssel und „siebt“ nach und nach den schlichten Dreck aus, bis kaum noch etwas in der Schüssel ist. Als er fertig ist, zeigt er Clara und mir einige winzige Punkte, die golden schimmern. Sie sind kaum erkennbar und sie von den restlichen Sandkörnern zu trennen wäre eine Sisiphosarbeit. Es gelingt nicht einmal sie anzutippen und auf der Fingerspitze anzusehen.

Wer so sein Geld verdienen oder gar reich werden will, der hat eine Menge anstrengender Arbeit vor sich.

Machen wir uns also an den Fischfang. Zuversichtlich töne ich vorher noch, dass ich mir jetzt mein Abendessen fangen werde. Naja, Hochmut kommt vor dem Fall, nicht wahr?

Leider nichts gefangen

Leider nichts gefangen

Wie man (k)einen Fisch fängt

Wieder zeigt mir Juan wie es geht. Er hat ein Kreisrundes Netz mitgebracht. Der Rand ist mit Gewichten gesäumt und in der Mitte hat es wie einen kleinen Zipfel an dem man es anfassen kann. Das Netz wird lose zusammengefasst und im oberen Drittel mit einer Hand umfasst. Es hat ein ganz schönes Gewicht. Dann nimmt man ein Stück des Netzes nahe bei den Gewichten zwischen die Zähne. Mit der noch freien Hand fährt man von unten in das Netz hinein. Dann holt man aus und wirft. Alles verstanden? Nicht? Dann seht Euch die Fotos an, die Clara von meinen Versuchen gemacht hat. 😉

Im Idealfall breitet sich das Netz nun kreisförmig aus, sinkt auf den Flussboden und darunter befinden sich die Fische. Man greift dann nach dem Zipfel in der Mitte und zieht das Netz nach oben, so dass es sich schließt und die Fische gefangen sind.

Mein Netz bildet natürlich keinen Kreis und Fische fange erst recht keine. Komischerweise sind bei mir – bei jedem Versuch! – nur Äste im Netz. Ein dezenter Hinweis darauf, dass ich Vegetarier werden soll? Juan hat uns aber ohnehin schon vorgewarnt. Das Wasser sei zu klar und die Fische würden uns sehen und abhauen. Außerdem machen wir ja genügend Krach.

Während Juan sich im seichten Wasser auf den Steinen sicher und souverän bewegt, muss ich bei jedem Schritt  um Standfestigkeit ringen. Es ist ungewohnt. Die Gummistiefel bieten auch keine Trittsicherheit. Und nasse Füsse bekomme ich sowieso, weil ich tiefer ins Wasser muss, um mein Netz wieder rauszuholen.

Das ganze macht Spaß, aber schon nach dem dritten oder vierten Versuch wird mein Arm lahm. Das Netz wird mit jedem Mal schwerer. Clara verzichtet auf einen Versuch.

Besuch bei den „Nachbarn“

Dann kommt auch schon das Kanu zurück und wir schippern zurück zur Lodge.

Neugiere Wollaffen begutachten uns

Neugiere Wollaffen begutachten uns

Wir fahren sogar ein kleines Stück daran vorbei bis zur nächsten Insel. Dort sollen Wollaffen leben. Ich denke mir, dass die Affen sich doch wohl eher verziehen, wenn so ein laut tuckerndes Gefährt sich nähert. Aber ich habe nicht mit der Neugier der Tiere gerechnet. Zuerst bekommen wir einen Kapuzineraffen im Geäst zu sehen. Der Kanufahrer nimmt sogar ein wenig Abstand, damit die Affen wohl nicht auf die Idee kommen, das Kanu zu entern.

Und dann tauchen nach und nach einige Wollaffen auf. Mit dem kräftigen satten Braun ihres Felles fallen sie im grünen Blattwerk noch mehr auf als der helle Kapuzineraffe. Ich kichere wie bekloppt vor lauter Freude. Wie geil ist das denn? Man sollte nicht meinen, dass die weit über das Ufer reichenden Äste die Tiere überhaupt tragen. Und dass die wasserscheuen Tiere sich auch so weit vor wagen. Es ist ein toller Anblick und viel zu schnell vorbei.

Entspannte Nachmittagsbeschäftigung

Für den Nachmittag habe ich mir eine noch viel entspanntere Unternehmung ausgesucht. Clara und Hannah haben mir vom Boyas vorgeschwärmt. In einem Reifen sitzend den Fluss hinab treiben. Ich bin skeptisch. Was ist mit der reißenden Strömung? Angriffslustigen Tieren im Wasser? Und wie komme ich wieder an Land? Was wenn ich die Lodge nicht erkenne und vorbei treibe? Clara beruhigt mich. Und Juan wird auch wieder dabei sein.

Gegen 14 Uhr steigen wir also erneut ins Kanu. Außer uns und dem Fahrer nehmen wir noch drei große Traktorreifen mit. Etwas oberhalb des Puerto Barantillo steigen wir auf einer Sandbank aus. Alle überflüssigen Klamotten und Schuhe können wir im Kanu lassen. Der Fahrer nimmt es mit zurück zur Lodge.

Ich lasse sicherheitshalber meine Bluse an, denn die Sonne brennt ganz schön. Dann plumpse ich in den mir zugedachten Reifen. In die Flussmitte soll ich paddeln. Das geht am besten rückwärts. Man sieht zwar nichts, aber tatsächlich man kommt schneller voran. Das Wasser ist übrigens echt erfrischend.

Einfach mal treiben lassen

Sobald wir alle in der Flussmitte dümpeln, schließen wir uns zusammen. Sprich, wir halten uns gegenseitig fest und lassen uns treiben. Die Strömung ist schwach – zumindest bis wir zu den Stromschnellen kommen. Dort wird es etwas wilder und nasser und wir driften wieder auseinander.

Trompetenbaum im "Garten" der Lodge

Trompetenbaum im „Garten“ der Lodge

Danach geht es gemächlich weiter. Wir treiben nebeneinander her oder halten uns teilweise fest. Clara und ich unterhalten uns ein wenig. Und zwischendurch lasse ich einfach die Umgebung auf mich wirken. Ich kann nicht fassen was gerade passiert. In einem Gummireifen treibe ich mitten im Regenwald einen Fluss hinab! Rechts und links am Ufer das dichte grüne Blattwerk und darüber wölbt sich ein strahlend blauer Himmel.

Wenn nicht immer wieder eines der motorisierten Kanus vorbeituckern würde, könnte man denken man sei allein auf der Welt. Denn nirgends sieht man Menschen. Und auch Tiere kann ich nicht erkennen. Aber ich habe vermutlich in dem Moment auch nicht das Auge dafür.

Eine knappe Stunde dauert es bis wir wieder an der Lodge ankommen. Und es ist tatsächlich nicht allzu schwer ans Ufer zu paddeln. Auf der Treppe liegen unsere Habseligkeiten, die wir im Kanu zurück gelassen haben.

Während Clara wieder an die Arbeit muss, bleibe ich noch am Fluss und schwimme darin. Das Wasser hat eine wunderbare Temperatur und es fühlt sich herrlich an. Sicherheitshalber bleibe ich aber in Ufernähe. Ich lege auch für den Moment meinen Ekel vor dem weichen schlammigen Uferboden ab. Normalerweise mag ich das überhaupt nicht und vermeide es reinzutreten. Hier aber stört es mich nach einer Weile nicht mehr, dass ich bis zur Mitte der Wade teilweise einsinke.

In diesen Tagen führe ich einige meiner eigenen Aussagen ad absurdum: Ich trage nicht ständig langärmlige Kleidung und lange Hosen, ich laufe im Lodgeareal auch mal in Sandalen rum, ich fasse durchaus Bäume und Blätter an und ich bade im Fluss. Alles Dinge, die ich vorher vehement abgelehnt hatte.

Es wird ganz schön feucht am Abend.

Es wird ganz schön feucht am Abend.

Mein Draht zur Natur

Am späten Nachmittag sitze ich in der Nähe der Bar und schreibe wie üblich auf, wie mein Tag war. Und ich schreibe natürlich Postkarten an Freunde und Familie. Während ich so sitze, wünsche ich mir, dass bald die Affen kommen. Keine zwei Minuten später wird mein Wunsch erfüllt. Die Rufe erfüllen den Wald begleitet vom allgegenwärtigen Summen der Zikaden. Hatte ich schon erwähnt, wie unglaublich laut es im Regenwald ist? Ich staune immer wieder. Nach einer Weile gewöhnt man sich zwar daran und überhört es, aber zwischendurch fällt es einem dann noch hin und wieder auf.

Es hat hier noch gar nicht richtig geregnet, denke ich bei mir. Immer schönes Wetter, dabei bin ich doch im Regenwald. Es könnte man ordentlich regnen, wünsche ich mir. Offenbar habe ich heute einen guten Draht zur Natur. Nur wenige Minuten später beginnt es zu donnern. Und nach einer halben Stunde gießt es wie aus Eimern. Ich muss meinen Platz räumen, weil er zu nass wird.

Das Gewitter ist direkt über uns, es kracht und blitzt und ich blicke staunend auf die Wassermassen. Das Dach ist zwar grundsätzlich dicht, doch der Wind treibt den Regen bis weit in den Aufenthaltsbereich. Bald gibt es kaum noch einen trockenen Platz dort. Während die Angestellten ihrer Arbeit nachgehen, suche ich nach einem geeigneten Platz, um das Schauspiel weitgehend trocken zu beobachten. An meiner Seite ist Dilayla. Der Hund des Besitzers ist fast jeden Tag hier und die Kleine hat offenbar Angst, denn sie weicht nicht von mir. Wo ich hingehe, geht auch sie hin.

Kuscheln sehnlichst gewünscht

Der Regen hält die ganze Nacht an.

Der Regen hält die ganze Nacht an.

Bald ist der kleine Teich im Aufenthaltsbereich komplett geflutet und läuft über. Das Wasser läuft geradewegs in die Toilettenräume und überschwemmt sie. Nun werden die Angestellten doch etwas nervös. Clara und Hannah sagen, so ein Unwetter haben sie hier auch noch nicht erlebt. Das Lagerfeuer fällt aus, obwohl ich gerade jetzt etwas Wärme gebrauchen könnte. Ich bin in kurzen Klamotten unterwegs und mir ist etwas kalt.

Als es komplett dunkel ist, verzieht sich auch das Unwetter. Der Regen aber bleibt. Die Tische fürs Abendessen werden in die Mitte gerückt, wo es verhältnismäßig trocken geblieben ist. Und neue Gäste sind eingetroffen. Neben den beiden Franzosenfamilien und mir, gibt es nun noch ein deutsches Pärchen.

Ich gehe trotzdem früh zu meiner Cabana. Im funzeligen Licht meiner Taschenlampe habe ich Probleme den Weg zu finden. Das Unwetter hat Bäume und Äste umgeknickt. Große Blätter liegen auf dem Weg und überhaupt sieht das alles so anders aus. Meine Unterkunft finde ich nur, weil Nummern darauf hinweisen, an welcher Cabana man gerade ist.

Die Nacht wird unruhig. Es hört und hört nicht auf zu regnen. Mein Draht zur Natur ist offenbar erkaltet, denn mein Wunsch es möge doch aufhören, bleibt unerfüllt. Ich schiebe Panik und sehe schon meine Cabana am Hang abrutschen und in den Fluss gleiten. Oder wahlweise fällt ein entwurzelter Baum auf mein Häuschen. Sehnlichst wünsche ich mir jemanden an meiner Seite, der mich entweder mit Gerede ablenkt oder an den ich mich einfach ankuscheln kann. Nur mit Mühe finde ich ein paar Stunden Schlaf.

Ein Gedanke zu “Ecu/Gal: Naturgewalten

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