Beim singenden Boxer – Ein Fazit

Ich steh total auf Musicals. Ich liebe sie. Aber es gibt Grenzen. Die wurden gestern erreicht. Denn ich habe „Rocky“ gesehen. Rocky, den seinerzeit von Silvester Stallone verkörperten abgehalfterten Boxer, der einen Sensationssieg erringt. Und nun wurde der Film in ein Musical umgewandelt. Ein singender Boxer. Ernsthaft?

Immer mal wieder bekomme ich erfreulicherweise eine Einladung von Stage Entertainment, um ein Musical, das gerade in Stuttgart gastiert zu bewerten. Dazu kann ich mir das betreffende Musical natürlich kostenlos ansehen und ich kann zu vergünstigten Preisen auch noch Freunde mitnehmen. Ich hätte mir ja „Tarzan“ gewünscht, aber ich habe „Rocky“ bekommen. Tja nun.

Ich habe also meine liebste Freundin E. angerufen und wir haben das Ganze für den 8. Dezember klar gemacht. Es wurde ein unvergesslicher Abend. Nicht unbedingt weils so schön war, aber wir haben viel gelacht. Wenn wir uns auch offenbar anders unterhalten gefühlt haben, als die anderen Besucher.

Beim ersten Lied, dass Rocky schmetterte, dachte ich noch `Och jo, vielleicht wird’s doch nicht so übel.“ Ich habe mich getäuscht. Das erste Lied hat Darsteller Nikolas Heiber ziemlich gut hinbekommen. Auch der Text war in Ordnung. Die Musik sprich Melodie war eingängig und durchaus mitreißend. Aber dann …

Worum es geht

Wer es nicht weiß: „Rocky“ ist ein Film aus den 70ern von und mit Silvester Stallone. Sly mimt den ungebildeten Boxer Rocky, der sich auch „The Italian Stallion“ (Der italienische Hengst) nennt. Dieser darf überraschend als Lokalmatador gegen den Boxweltmeister Apollo Creed antreten. Denn dessen ursprünglicher Gegner ist wegen einer Handverletzung ausgefallen. Rocky nutzt seine Chance und will wenigstens über die gesamte Distanz von 15 Runden mit Apollo im Ring bleiben. An einen Sieg glaubt er selbst nicht, aber er trainiert was das Zeug hält dafür, um nicht gleich in Runde 1 ko zu gehen. Nebenbei erobert er noch das Herz seiner schüchternen Jugendliebe Adrian.

Erstmal das Positive

Choreografen, Bühnenbildner, Kulissenbauer, Kostümbildner und Requisitenbauer sowie die Komponisten (nicht die Texter!) haben sich echt ins Zeug gelegt. Das bin ich von Stage Entertainment auch nicht anders gewohnt. Die haben einen fantastischen Job gemacht und es hat alles reibungslos funktioniert. Die Kostüme waren klasse. Wenn man auch bei kurzen Turnhosen bzw. Jogginghosen und Kapuzenjacke – oder wie es neuerdings heißt: Hoodie – vermutlich nicht so viel verkehrt machen kann. Bei den farbenfrohen und ausgefallenen Kostümen für Apollo Creed und seine Crew sah das schon anders aus. Das war sicher eine Herausforderung. Dort haben die Kostümbildner auch ihr Faible für BlingBling ordentlich ausgelebt.

Der schwebende Boxring und die jeweiligen Kulissen für Wohnungen und Trainingsraum sowie die Szenenbilder für die Trainingseinheiten sind liebevoll und detailreich ausgearbeitet und verfügen über technische Raffinesse. Da haben sich die Macher wieder mal echt Mühe gegeben. Sehr gut gelungen.

Für die Zuschauer in den ersten Reihen ist es auch etwas Besonderes, weil sie zum Boxkampf ihre Plätze wechseln müssen. Sie dürfen auf die Bühne und bekommen dort auf einer Tribüne einen neuen Platz. Der Boxring fährt dann soweit in den Zuschauerraum, dass die freien Plätze abgedeckt sind. So wird ziemlich realistisch der Eindruck einer echten Boxarena vermittelt. Okay, die haben da sicher keine roten Plüschsessel, aber die Idee und Umsetzung finde ich klasse.

Von den Darstellern hat mir Lucy Scherer als Adrian gut gefallen. Mit ihrer Stimme kann sie beeindruckendes leisten. (Ich kenne sie auch schon aus „Wicked“ als gute Hexe Glinda.) Der stimmliche Überflieger jedoch war Gino Emnes, der den Apollo Creed gemimt hat. Vielleicht liegt es an seinem niederländischen Akzent, der mich schon bei Willemijn Verkaik als Elphaba (ebenfalls „Wicked“) schwach machte. Aber meine Fresse, diese Stimme! So tief, gewaltig und kraftvoll. So intensiv, dass sie unmittelbar unter die Haut geht. Meine Freundin und ich haben angefangen zu sabbern. Und ja, Gino ist auch optisch ein Leckerbissen. Sehr sehr schade, dass er nur so wenig zu singen hatte. Gerade als er mit einigen Textzeilen in „The eye of the tiger“ eingestiegen ist, hätte ich mir gewünscht er würde das Lied komplett singen. Absolut Hammer.

Die Rolle des Rocky ist furchtbar undankbar

Dagegen konnte der Hauptdarsteller nur abstinken. Das tut mir für Nikolas Heiber wirklich leid. Er ist mit Sicherheit ein guter Sänger, hier jedoch hat er nicht glänzen können. Gegenüber Lucy und (vor allem) Gino war seine Stimme blass und nichtssagend. Dabei gab es Momente wo man erkannte, dass er was drauf hat.

Aber die Rolle ist einfach furchtbar undankbar in meinen Augen. Ich sage es nochmal: ein singender Boxer!? Hallo? Stellt sich jemand Klitschko oder Tyson vor, wie die singend durch die Straßen laufen? Ich nicht.

Die ganze Geschichte an sich ist doof. Allerdings war der Film ja auch nicht viel anders. Aber während Rocky im Film einfach nur ungebildet ist, wird er im Musical geradezu grenzdebil dargestellt. Ziemlich übel.

Dazu haben mich ständig die überaus weißen und großen Zähne des Rocky abgelenkt von allem anderen. Es sah aus als hätte er beim Singen schon die porentief reine Prothese im Mund die beim Kampf sein Gebiss schützen soll. Ständig musste ich an Perlweiß denken. Das ist der Konzentration nicht zuträglich.

Von den Liedtexten ganz zu schweigen. Auch die fand ich sehr gewöhnungsbedürftig. Teilweise sogar total blöde und infantil gereimt. Oder eben auch nicht gereimt. Normalerweise gibt es immer eine Melodie und/oder Textzeile/einen Refrain der sich durch das ganze Musical zieht – das fehlte mir hier. Zumindest ist es mir nicht aufgefallen und im Kopf geblieben.

Kein stimmiges Bild

Das Ganze gibt in dieser Umsetzung schlicht kein stimmiges Bild, keine flüssige Geschichte. Die Idee eines singenden Boxers ist für mich eben unglaubwürdig. Hätte Rocky zum Musicalstar werden sollen, dann hätte schon im Film Sly selbst „The eye of the tiger“ gesungen.

In meinen Augen ist „Rocky“ ebenso wie „Das Wunder von Bern“ der Versuch von Stage Entertainment mehr Männer ins Musical zu locken. Ich weiß nicht, ob der Erfolg ihnen Recht gibt und tatsächlich mehr Kerle im Zuschauerraum sitzen. Für mich war es zwar ein schöner Abend, aber mehr weil ich mit meiner Freundin zusammen war als wegen dem Musical.

Habt Ihr auch das Musical schon gesehen? Wie fandet Ihr es? Seid Ihr überhaupt Musical-Fans?

5 Gedanken zu “Beim singenden Boxer – Ein Fazit

  1. Da mich der Film schon nicht interessierte, kam für mich auch ein Besuch des Musicals „Rocky“ nicht in Frage. Insofern… 😀
    Ich bin jedenfalls ein großer Musical-Fan und kann absolut verstehen, dass Du Dir lieber „Tarzan“ gewünscht hättest. Einfach nur ein großartiges Musical!
    LG kreativschatz

    Gefällt 1 Person

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