Das Farmspiel – Kalter Entzug

Ich habe ein Farmspiel auf meinem Smartphone. Nun soll ich das blöde Spiel innerhalb von drei Monaten zum dritten Mal updaten. Das sprengt jedes Mal mein Datenlimit. Zweimal hab ich dumme Tussi das mitgemacht, aber nun ist Schluss. Ich weigere mich einfach. Nicht nur, dass mich das Überschreiten des Limits Geld kostet, nein, es bringt auch lästige, vermeintlich wohlmeinende Nachrichten meines Mobilfunkanbieters mit sich. Darin legt er mir nahe, mir doch ein größeres Datenlimit pro Monat zu bestellen. Will ich aber nicht. Auch wenn die mich anrufen, will ich nicht.
Also wird nicht upgedatet. Jetzt mache ich halt einen kalten Entzug. Denn ohne Update, komme ich nicht mehr auf meine Farm! *heul* Dabei habe ich fast täglich gespielt. Ich habe Morgens und Abends innerhalb von Minuten meine Felder bestellt, meine Tiere gefüttert, je nach Tier gemolken, geschoren oder geschlachtet – Übrigens leben die Schweine nach der Schlachtung weiter! Genial, oder? – Eier von meinen Hühnern gesammelt, Obstbäume gepflanzt und beerntet. Aus der Kuhmilch machte ich Käse, aus der Schafwolle Pullover, aus dem Obst wird Saft oder Marmelade. Ich habe Brot und Kuchen und Torten gebacken. Aus Zuckerrohr habe ich weißen und braunen Zucker und goldenen Sirup gewonnen. Ich konnte Eis herstellen und sogar Kleider und Hosen nähen. Ich war quasi eine Fleißmeise sondergleichen. Deswegen war ich – für meine Begriffe – auch ziemlich reich. Ich habe mehr als 200.000 Euro auf dem Konto. Auf dem Farm-Konto. Der virtuellen Farm.
Ist das nicht völlig behämmert? Mit welchem Blödsinn vertut man eigentlich seine Zeit?
Das Spiel hat wohl irgendwie meine Herkunft angesprochen, schließlich bin ich auf dem Land groß ge… naja, halt aufgewachsen. Nicht das wir einen Bauernhof gehabt hätten. Oder ich jemals einer Kuh hätte ans Euter langen müssen. Oder einem Schaf an die fettige Wolle. Ganz zu schweigen vom Schweine schlachten. Kaninchen ja, aber keine Schweine.
Ich gebe zu, ich habe Gartenarbeit verrichten müssen. Kartoffeln stecken oder irgendwas aussähen. Aber meistens musste ich eigentlich nur Unkraut jäten. Oder Rasen mähen. Voll ätzend. Das muss man beim Farmspiel komischerweise nicht. Aber gut, ich will jetzt nicht wirklich über die Realitätsnähe des Spiels lästern – das wäre zu einfach. Oder vielleicht doch. Ein bisschen: Weizen ist reif in 2 Minuten. Mais braucht ein paar Minuten länger. Kühe mit Sonnenbrillen? Brot backen in 5 Minuten? Eine Erdbeere kostet 25Euro!? Dass das  bloß kein Supermarkt mitkriegt! Und eine (EINE!!!) Schraube kann man für 270 Euro kaufen! Soll ich die Schweine, die das Schlachten überleben nochmal erwähnen? Überhaupt sterben die Viecher nicht. Auch wenn man Tagelang nicht füttert. Da steht dann nur „Kuh – hungrig“. Man muss auch nie den Stall oder so ausmisten. Eigentlich gibt’s auch keinen Stall, die Tiere sind alle jeweils in einem Open-Air-Gehege untergebracht. Man muss übrigens auch nie gießen! Und es regnet auch nie. Es herrscht quasi Dürre. Das Gras ist aber immer grün. … Ich glaub, das reicht erstmal.
Nun also weiter im Text.
Ich musste als Kind also Unkraut jäten. Das war scheisse. Ich hab’s gehasst. Umso erstaunlicher, dass ich nun, Jahrzehnte später, ganz wild drauf bin eine Farm zu leiten. Wie offenbar Millionen andere auch! Leute aus Asien, Südamerika, Russland – alle mehr oder minder erkennbar am Namen der Farm – haben mein Zeug gekauft oder ich was von ihnen. Ich wage zu behaupten, von denen hat nicht mal ein Bruchteil jemals ein Ziegeneuter angefasst, vielleicht noch nicht mal gesehen. Und sie würden vermutlich angeekelt das Gesicht verziehen, stünden sie plötzlich mitten auf einer Farm und müssten irgendwas melken. Ginge mir wohl auch nicht viel anders.
Ich mache also jetzt den Entzug vom Farmspiel. Muss ich halt wieder mehr Lesen und Stricken.

2 Gedanken zu “Das Farmspiel – Kalter Entzug

  1. Liebe Sanne,

    ich melde mich hier als anonyme Spielsüchtige. Deine Entscheidung, dich von deiner Sucht zu lösen, war richtig. Applaus dafür. 😉
    Nein, Spaß beiseite, es war gut, denn mal ehrlich, besonders Online-Games können Ausmaße annehmen… unvorstellbar. Du hast das Glück, dass deine Achillesverse ein Spiel ist/war, dass sich am unteren Bereich der Risikoskala befindet. Ja, das kostet Zeit und Geld, aber soll ich dir mal einen Schwenk aus meiner Spielhistorie erzählen? 😉
    Ich möchte mir nicht mehr ins Gedächtnis rufen, was ich InnoGames alles geopfert habe. InnoGames? Kennst du vielleicht, sie machen momentan fleißig TV-Werbung für ihr Spiel „Forge of Empires“. Aber Forge ist relativ neu auf dem Markt. Was schon wesentlich länger besteht und vermutlich keine Werbung mehr nötig hat, weil es weltweit ungemein erfolgreich ist, ist „Die Stämme“. Schon mal gehört? Ein Echtzeit-Strategie-Kriegsspiel, in dem sich Spieler in Stämmen organisieren, Dörfer erobern und dann gegen verfeindete Stämme Krieg führen. Klingt sehr simpel und unkompliziert, ich weiß. Vom Prinzip her ist es das auch, aber in der Praxis ist es… hart. Der Knackpunkt liegt beim Thema Echtzeit und beim Punkt Strategie. Stundenlang sitzt man davor und verwaltet seine Dörfer. Stundenlang überlegt man sich sinnvolle Strategien, um den Gegner kalt zu erwischen und ihm möglichst viele Dörfer abzunehmen. Stundenlang sitzt man und verschickt jeden Angriff einzeln. Ab einem bestimmten Punktestand können das bei nur einem einzigen Spieler 2.000 Stück sein. Wird man angegriffen, wird es noch heftiger, weil die Anzahl der gesamten Angriffe gern und leicht mal die Tausendermarke knackt. Man benennt um, man verschiebt Defensiv-Truppen, man bereitet sich vor, um im Ernstfall Dörfer direkt zurückerobern zu können. Von der psychischen Belastung, der man sich aussetzt, mal ganz zu schweigen, denn der eigene Verlust ist auch immer der Verlust des Stammes. Der Stämme-Account nimmt Stück für Stück immer mehr Zeit und Gedankenraum in Anspruch.
    Ich habe dieses Spiel jahrelang gespielt. Und ich war gut. Habe so manche Nacht durchgemacht, habe mich mit meinem Freund beim Angriffe verschicken abgewechselt, um mal ein wenig schlafen zu können. Habe stundenlange Skype-Konferenzen mit anderen Spielern abgehalten. Habe ständig in Angst vor der nächsten Angriffswelle gelebt. Bin ausgeflippt, wenn das Internet nicht funktioniert hat. Konnte nicht ruhigen Gewissens das Haus verlassen, feiern gehen, in Urlaub fahren. Und irgendwann… war es genug. Ich habe DS geliebt, ich war in der Stammesführung (also in der Leitung des gesamtes Stammes) sehr aktiv, aber so ein Spiel zehrt so dermaßen, dass man irgendwann nicht mehr kann und den Spaß verliert. Wenn es Arbeit wird, ist es schon zu spät.
    Darum ist es richtig, dass du jetzt einfach Schluss gemacht hast. Diese Spiele beginnen so harmlos, hier mal was tun, da mal klicken, aber da die dahinterstehende Firma immer möchte, dass man so viel Zeit wie möglich dort verbringt, schleichen sich Stück für Stück immer zeitaufwendigere und/oder teurere Aktionen ein. Ich habe InnoGames monatlich Geld in den Rachen geworfen, für ein paar nette Vergünstigungen. Verrückt, oder?
    Heute verstehe ich es auch nicht mehr.
    Geld und Zeit werden geopfert. Und wofür? Für Pixel.

    Viele liebe Grüße,
    deine anonyme Spielsüchtige Elli

    Gefällt 1 Person

    • Hallo liebe Elli,
      ich freue mich, dass Du dich „geoutet“ hast. Das klingt tatsächlich echt heftig. Ich habe von „Die Stämme“ gehört. Strategiespiele liegen mir allerdings nicht so, daher hab ich mich damit nie beschäftigt.
      Es ist krass wie sehr manche Dinge – gerade die virtuelle Welt – einen gefangen nehmen kann, wie wichtig sie werden kann, wie sehr zum Lebensinhalt. Das habe ich bisher wohl nur gestreift. Obwohl ich zu Hoch-Zeiten sogar meinen Job riskiert habe. Wenn auch nicht für ein Spiel sondern, für eine Online-Community für die ich mich engagiert habe. Im Vergleich dazu ist das Farmspiel-Intermezzo ein Witz. Ich habe glücklicherweise auch kein Geld investiert. Aber wenn man morgens 9 Uhr im Büro total nervös ist, weil man sich noch nicht einloggen konnte, dann läuft da echt gewaltig was schief. Ich wurde damals erwischt und hatte auch da sozusagen einen kalten Entzug, weil zu hause nämlich kein Internet.
      Schön zu lesen, dass Du auch die Kurve gekriegt hast. Das freut mich. Ergeben wir uns lieber dem echten Leben mit Freunden und Familie und natürlich dem geschriebenen Wort und den Millionen Geschichten, die es zu lesen gilt. 🙂
      Ganz liebe Grüße
      sanne

      Gefällt 1 Person

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