Anekdoten aus Schottland 2: Rosslyn Chapel und Thistle Do-Cottage

Mein erster Tag mit Mietwagen. Am Flughafen in Edinburgh hole ich meinen fahrbaren Untersatz ab. Es ist ein kleiner Fiat 500, eine weiße Knutschkugel. Auf dem riesigen Mietwagenparkplatz mache ich mich mit dem Gefährt vertraut. Während ich im Blindflug das Schalten mit links übe, grüble ich ob es wohl auffällt, wenn ich einfach die nächsten 10 Tage hier stehen bleibe. Ich habe zwar keinen Panikanfall, aber ganz übles Muffensausen. Werde ich gleich einen Unfall bauen, sobald ich das Gelände verlasse? Um es vorweg zu nehmen: nein! Weder verunfalle ich, noch verschalte ich mich. Links fahren ist glücklicherweise einfacher als gedacht. Die erste Stunde murmele ich noch mantramäßig „Links fahren, links fahren, links fahren.“ vor mich hin. Doch bald ist es schon so, als wäre ich schon immer links gefahren.

Ich hole mir nur einige blaue Flecken am rechten Arm, weil ich die ersten zwei Tage immer wieder auf der „falschen“ Seite die Handbremse lösen will. Überraschenderweise werde ich auch nicht einmal auf der linken Seite des Autos einsteigen und mich darüber wundern, dass dort kein Lenkrad ist.

Die bezaubernde Roslyn Chapel nahe Edinburgh

Die bezaubernde Roslyn Chapel nahe Edinburgh

Auf dem Beifahrersitz liegen mein enthusiastischer „Tourplan“ für die nächsten 10 Tage, meine Landkarte und mein Reiseführer. Ich verzichte auf elektronische Navigation und agiere altmodisch. Mein erstes Ziel in Schottland ist die Rosslyn Chapel. Die Kirche hat mich in „Sakrileg – The DaVinci-Code“ so neugierig gemacht, dass ich sie unbedingt live sehen möchte.
Der Parkplatz ist fast leer und die Kirche in der Realität deutlich kleiner als im Film. Und leider wird auch dran rumgebaut und saniert. Die Außenansicht wird also von Gerüsten und Absperrungen ästhetisch etwas eingeschränkt. Macht aber gar nicht so viel aus, weil man weiß ja, die inneren Werte zählen. Das trifft auf Rosslyn besonders zu. Das innere der kleinen Kirche ist überwältigend. Verschiedenste Figuren, Symbole, Schnörkel, Muster, Zeichen all over. Ich bin hin und weg. Kurz nach meiner Ankunft gibt es gleich einen kleinen Vortrag. Mein Englisch ist erfreulicherweise ausreichend, um den Großteil zu verstehen. Ich fühle mich so bestärkt, dass ich später sogar das Gespräch suche und einige Fragen stelle, die mir auf der Seele liegen.

Ich verbringe einige Stunden in Rosslyn und kann mich nicht satt sehen. Wohin man blickt, überall gibt es etwas zu entdecken. Nur zu verständlich, dass die Filmemacher diese Kirche als Vorbild ausgewählt haben.

Es geht schließlich weiter. Ich will heute noch in Richtung Westen fahren. Meine Unterkunft soll in der Nähe meines nächsten Tourpunktes liegen – in Argyll, wo ich in einem Schutzgebiet Biber beobachten will. Zwischendurch versorge ich mich in einem Tesco mit Sandwiches, Keksen und Wasser. Und ich versuche noch einmal an Geld zu kommen. Bisher war mir weder an den Geldautomaten am Flughafen London oder Edinburgh vergönnt, meine Reisekasse aufzuwerten. Und auch unterwegs rückt kein Automat auf meine Karte Kohle raus. Dank der Zeitverschiebung, kann ich in Deutschland nicht mal mehr meine Bank erreichen. Knapp 100Pfund habe ich zwar noch einstecken, aber damit komme ich nicht über die nächsten 10 Tage und Nächte. Geringfügig besorgt fahre ich weiter Richtung Westen.

Blick aus dem Wohnzimmer im ThistleDo-Cottage

Blick aus dem Wohnzimmer im ThistleDo-Cottage

Gegen 21Uhr bin ich noch nicht einmal in der Nähe meines Ziels. Stattdessen bin ich müde und brauche dringend eine Dusche und ein Bett. Die Ortschaften sind nicht sonderlich dicht gesät und Bed&Breakfasts sehe ich auch so gut wie keine. Wenn, dann sind keine Zimmer frei. Das nächste Haus, welches mir eine Schlafmöglichkeit verheißt, ist also fällig. Ich klingele die Leute aus ihrer abendlichen Ruhe. Bei dem Mann der mir öffnet entschuldige ich mich für die späte Störung und bitte um ein Nachtlager. Ich habe echt Glück und werde in eine kleine Ferienwohnung mit Küche, Wohnzimmer, Bad und Schlafzimmer geführt. Das Ganze ist für nur 25Pfund zu haben und ich schlage sofort zu. Selbst wenn sie das Doppelte haben wollten, wäre ich wohl geblieben.

Ich bin im Thistle Do-Cottage gelandet. Meine Gastgeber Ann und Steve sind sehr freundlich und geben mir Tipps für die Abendplanung, Essen gehen, Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Ich bedaure fast, dass ich nur diese eine Nacht bleiben werde, denn es ist hübsch hier. Vom Wohnzimmerfenster aus habe ich einen tollen Blick auf den Loch Fyne und die Hügel dahinter. Ein kleines Segelboot dümpelt unweit vom Ufer. Wäre ich schlecht drauf, würde ich sagen, es sei unerträglich idyllisch. Aber heute bin ich dafür sehr empfänglich. Mein erster Abend in Schottland! Ich kann es kaum glauben.

Auch dieser Abend wird kurz. Ich notiere meine bisherigen Erlebnisse und sichte auf der Digicam die Fotos des Tages. Nach einem Tesco-Sandwich und einer Dusche, verschwinde ich bald im Bett.

Am nächsten Morgen habe ich für 7Uhr Kaffee bestellt, der auch pünktlich serviert wird. Mit Hummeln im Hintern breche ich alsbald auf. Die Biber lasse ich allerdings dann doch ausfallen und mache mich auf in Richtung Nordwesten.

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