Mathias Illigen: Ich oder Ich Die wahre Geschichte eines Mannes der seinen Vater getötet hat

Mathias Illigen ist Student der Philosophie. Er lebt in Wien, hat eine Freundin und das Verhältnis zur Familie ist verhältnismäßig normal. Nach und nach brechen sich jedoch Wahnvorstellungen Bahn, die kaum zu ertragen sind. Ist zunächst eine Reise nach Rom zum Papst die Lösung, gipfelt der Verfolgungswahn des jungen Mannes wenige Tage später im brutalen Mord an seinem Vater.

Ich oder IchDer in Wien lebende Mathias Illigen ist Student der Philosophie. Sein Leben ist so normal wie das aller anderen. Das ändert sich mit einem Seminar beim angesehenen Dozenten der Philosophie Peter Sloterdijk. Spürt Illigen zunächst nur eine ungewöhnliche Verbundenheit mit dem Professor die ihn wünschenswert über die anderen Studenten erhebt, fühlt er sich nach und nach immer mehr verfolgt von ihm. Immer wieder ergeht der Professor sich in Andeutungen und geheimnisvollen Botschaften, die Illigen als ein immer perfideres Spiel zu erkennen glaubt. Er will sich keine Blöße geben und spielt mit.
Nicht lange danach wähnt er eine richtiggehende Verschwörung á la „The Game“, dem Film mit Michael Douglas, gegen sich im Gange. Kommilitonen, die Bauarbeiter in seinem Hause, sein Bruder, ja sogar seine Freundin sind alle Teil davon. Bei einem Restaurantbesuch meint Illigen das Ausmaß zu erkennen: nichts weniger als der große Kampf von Gut und Böse, von Dämonen und Engeln, steht bevor. Die Welt muss gerettet werden.
Überall sieht er Dämonen die sich durch dunkle Kleidung und einen üblen Gestank verraten und die dann erwartungsgemäß ihre Maske fallen lassen und ihre dämonische Fratze zeigen. Dem entgegen stehen die Engel: hell gekleidete Menschen, gut duftend und mit lieblichen Äußeren. Letztere unterstützen ihn.
Am Heiligabend 2006 erkennt Illigen zum ersten Mal so richtig, dass er auserwählt ist, um die Welt zu retten. Gott spricht zu ihm und bescheinigt ihm besondere telepathische Fähigkeiten. Sein Leben ist ein einziger Spießrutenlauf. Er vertraut niemandem, wähnt sich ständig von Kameras beobachtet und befürchtet vergiftet zu werden. Denn er ist der Auserwählte; der Einzige, der die Dämonen aufhalten kann.
Nachdem er zunächst seine Aufgabe darin sieht, nach Rom zum Papst zu reisen und diesen von der Bedrohung zu erzählen, erkennt er nach erfolglosem Versuch, dass das eigentliche Ziel nur ein anderes sein kann: Sein Vater. Zu ihm muss er reisen, um dieses üble Spiel zu beenden. Der Besuch mündet im brutalen Mord an seinem Vater.
Doch keiner der Sanitäter oder Polizisten verkündet das Spielende. Vielmehr geht die Farce weiter. Bereits bei den ersten ärztlichen Untersuchungen wird eine paranoide-hallozinatorische Schizophrenie festgestellt. Eine Geisteskrankheit die Mathias Illigen zwar für nicht zurechnungsfähig zur Tatzeit erklärt. Unschuldig fühlt er sich deswegen aber nicht.
Er wird als abnormer Rechtsbrecher in den Maßnahmenvollzug gesteckt. Er beginnt dort einen schwierigen, aber auch offenbar vorbildlichen Weg für sein neues Leben in Freiheit.

So offen wie möglich

Das Buch ist schlicht beängstigend. Durch die Schilderung seines Alltags und das langsame Abgleiten in die Psychose macht Illigen für den Leser seine Krankheit nachvollziehbar und verständlich. (Wer hätte nicht schon einmal selbst zwischen zwei zusammenhanglosen Dingen eine – wenn auch scherzhafte – Verbindung hergestellt?!)
So offen wie unter den Umständen möglich, berichtet Mathias Illigen über den Ausbruch seiner Krankheit, den Verlauf, den tragischen Höhepunkt und über seine rasche Genesung. Ohne Zweifel ist ihm an einer Aufarbeitung gelegen und daran, seine Schuld offen zu bekennen, um irgendwie mit ihr leben zu können. Das ist ehrenwert. Es bleibt dennoch die Schilderung eines Menschen, der krankheitsbedingt jemanden getötet hat und nun seit Jahren und auf viele weitere Jahre hinaus medikamentös behandelt wird. Sprich: die Ebene der Wahrnehmung, der Gefühle, der Verarbeitung ist durch die Psychopharmaka beeinflusst.
Nichtsdestotrotz habe ich das Buch sehr schnell gelesen, denn es ist ein unglaublicher Einblick der da gewährt wird. Eine wertvolle Lektüre über eine psychische Erkrankung, die einen nicht kalt lässt.

Buchinfo
„Ich oder Ich“ von Mathias Illigen, erschienen November 2013 bei rororo, 272 Seiten, Taschenbuch, € 9,99, ISBN 978-3-499-61991-5

Quellen
Bild: www.rowohlt.de / Text: Susanne

2 Gedanken zu “Mathias Illigen: Ich oder Ich Die wahre Geschichte eines Mannes der seinen Vater getötet hat

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