Das Dritte Geschlecht

Habt Ihr es mitbekommen? Das Bundesverfassungsgericht hat beschlossen, dass die Rechtsprechung in Deutschland ein weiteres Geschlecht neben Mann und Frau berücksichtigen muss. Ich verlinke hier der einfachheithalber mal den Artikel von Tagesschau.de.

Gerade habe ich ein Buch zum Thema Transgender und Geschlechtsangleichung gelesen. Das ist zwar nicht das gleiche, aber hat ja auch mit einer Abweichung vom herkömmlichen Geschlechtsbild zu tun.
Was ich sagen will, ich finde diese Entscheidung großartig! Das mag insofern scheinheilig klingen, weil ich bisher ganz ehrlich nicht mal wusste, dass es Menschen gibt, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen. Trotzdem sehe ich darin einen großen Schritt. Einen positiven Schritt.
Ich hatte keine Ahnung, dass es in Deutschland 80.000 Menschen gibt, die sich nach der bisherigen Definition geschlechtsneutral fühlen. Das ist eine ganz schöne Menge, finde ich. Und noch mehr erstaunt hat mich, dass es bereits in Ländern wie Kuba und Argentinien bereits die Möglichkeit gibt, sein Geschlecht als „inter“ oder „divers“ anzugeben. Und erst recht wusste ich nicht, dass jährlich bei mehreren hundert (Klein)Kindern Operationen durchgeführt werden, nur um sie in das bestehende Geschlechter-Schema zu pressen.
Schon eine ganze Weile interessiere ich mich für Themen wie Transgender und Transsexualität. Keine Ahnung warum, denn weder ich noch jemand im Familien- oder Bekanntenkreis hat damit zu tun. Aber das ist ein verdammt komplexes Feld. Es gibt so viele Abstufungen und unterschiedliche Begriffe, dass ich da noch nicht so recht durchgestiegen bin und immer wieder dazu lerne.
Ich bin sehr gespannt, wie sich die Angelegenheit um das Dritte Geschlecht weiter entwickelt. Das wird ja auf unser aller Alltag eine ziemliche Auswirkung haben. Die Bild titelte ja schon, dass es nun nicht mehr „Sehr geehrte Damen und Herren,“ heißen dürfe. Das dürfte allerdings eines der kleineren Probleme sein. Formulare müssen überarbeitet werden, Dokumente, neue Begriffe müssen gefunden werden. Wie soll das dritte Geschlecht heißen? Derzeit spricht man ja von „inter“ und „divers“. Ich persönlich wäre für „inter“, denn „divers“ empfinde ich irgendwie als abwertend – aber ich bin ja nicht betroffen.
Trotzdem finde ich es ganz furchtbar, wenn man mit einer Mischung aus er/sie wie „sier“ hausieren geht. Brrrr. „Es“ ist natürlich undenkbar. Welche Alternativen gibt es? Oder welche neuen Wortschöpfungen?
Und was ist mit der Anrede? Ganz klar, im Alltag unterscheidet man automatisch zwischen Männlein und Weiblein. Egal ob man beruflich mit jemandem zu tun hat oder beispielsweise bei einer Hotline anruft. Sollte man dann vielleicht komplett auf die geschlechtsspezifische Anrede verzichten? Jemanden einfach nur mit dem Namen ansprechen/anschreiben?
Ich hoffe jedenfalls, dass nach diesem Urteil und im Rahmen der Umsetzung sowie Findung von Begrifflichkeiten vor allem die Betroffenen zur Wort kommen. Sollen Sie entscheiden wie sie genannt werden möchten. Das fände ich am besten. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, was die Zukunft bringt.

7 Gedanken zu “Das Dritte Geschlecht

  1. Es wird ja auch niemandem etwas weg genommen. Im Gegenteil: Eine Minderheit in der Gesellschaft bekommt endlich die Rechtsgrundlage für ein Stück mehr persönlich Freiheit. Was sollte daran schlimm sein? Einige Leute müssen dringend die innere Inquisition ausschalten..

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    • Hallo Tanne,

      na ich finde es wie gesagt, ganz und gar nicht schlimm. Das ist klasse. Mir fallen aber auch spontan genügend Menschen ein, die dafür kein Verständnis haben. Und so traurig das ist, die wird man – gerade bei der älteren Generation – wohl nicht mehr zum Umdenken bringen.

      Viele Grüße
      Susanne

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  2. Ich habe kürzlich auch ein Buch gelesen, bei der eine intersexuelle Person eine der Hauptrollen spielte. Das Buch war auf englisch und da hat es sich eingebürgert, die geschlechtsneutrale Mehrzahl (also they oder them usw) als Anrede zu benutzen und das funktionierte auch im Buch ganz gut, nachdem ich mich ein bisschen eingelesen hatte.
    Im Deutschen ist es ungleich schwerer, sich geschlechtsneutral auszudrücken, habe ich inzwischen festgestellt. Wenn man auf englisch sagt „the cop“ muss man sich auf deutsch entscheiden zwischen „der Polizist“ oder „die Polizistin“. Um diese Problematik zu vermeiden gibt es inzwischen Begriffe wie „Studierende“, um eben nicht Studenten oder Studentinnen sagen zu müssen. Man stößt aber echt bei so gut wie jedem Satz auf diese Problematik und müsste die Sprache umbauen und sehr genau überlegen, was man sagt. Bei Polizist würde mit z. B. erstmal keine geschlechtgsneutrale Bezeichnung einfallen. Eigentlich finde ich das einen echten Mangel an der deutschen Sprache, denn ich würde mich gerne öfter neutral ausdrücken, es ist aber nur schwer möglich.

    Schon alleine das Problem der Anrede in einem Brief, wenn man nur weiß „Sachbearbeiter: Müller“. Sehr geehrte Person Müller? Du hast ja diesen Versuch mit „sier“ schon angesprochen, der für meinen Geschmack nicht ernsthaft taugt. Und wenn da z. B. steht Charly Müller, was dann? Kann ja für Frau oder Mann stehen. Darüber habe ich mir früher nie Gedanken gemacht.
    Da ich das Thema trans/intersexuell interessant finde und auch erstaunt war, wieviele intersexuelle Menschen in Deutschland leben, finde ich schon, dass man sich darüber mehr Gedanken machen sollte. Auch wenn man eindeutig einem Geschlecht angehört und sich mit dem auch wohlfühlt – wieso muss man auch noch in diese Schublade gesteckt werden bei Dingen, bei denen es echt egal ist, z. B. bei Online-Bestellungen in einem Shop, wenn man „Herr“ oder „Frau“ zwingend angeben muss.

    Ich finde es gut, dass dieses Thema im Augenblick immer wieder in der Öffentlichkeit ist (z. B. auch bei öffentlichen Toiletten, die nicht mehr getrennt nach Geschlecht sind) und man gezwungen ist, seine alten Gewohnheiten ein bisschen zu überdenken.

    LG Gabi

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    • Liebe Gabi,
      da hast Du völlig recht – die deutsche Sprache ist im Moment nicht auf geschlechtsneutrale Weise anwendbar. Bzw. habe ich den Eindruck, dass dies auch nicht gewünscht wird. Ganz ehrlich finde ich die zunehmende Marotte für alles und jeden Geschlechtsspezifische Begriffe zu ersinnen, damit auch ja keiner sich benachteiligt fühlt, ganz furchtbar. Briefe in denen ständig er/sie und /innen steht, finde ich entsetzlich. Und jeder Frau die jemandem ins Wort fällt und korrigiert, weil er nur die vermeintlich männliche Form sagt, die möchte ich schlagen. Der Postillion hat diesem Gebaren mit einem seiner Artikel angenommen und ich musste sehr schmunzeln, weil es meinen Eindruck ziemlich gut wieder gibt.

      Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern – völlig wurscht wie viele es davon gibt. Und es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, diese zu unterscheiden. Wenn ich zum Beispiel auf Partnersuche bin und eben nur auf ein bestimmtes Geschlecht stehe. In vielen Fällen aber ist es völlig unerheblich zwischen Mann, Frau oder weiteren Geschlechtern zu unterscheiden.

      Ich befürworte ein drittes Geschlecht, von mir aus auch noch mehr. Wovor ich aber auch ganz ehrlich ein bisschen Schiss habe, ist aber eben die Kommunikation. Schon jetzt wird oft jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und man wird nicht jedem gerecht. Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen, weil ich im Gespräch nur in den bisher bekannten Geschlechterrollen spreche. Andererseits möchte ich auch nicht ständig ewig im Kopf vorformulieren, um nur jede Eventualität abzudecken. Wie sieht das in Zukunft aus? Der Einfachheit halber sollte man bei „Mensch“ bleiben. Aber was sich in der alltäglichen Kommunikation etabliert, bleibt abzuwarten.

      Liebe Grüße
      Sanne

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      • Ich sag ja auf meinem Blog sehr oft „der Autor“ und meine damit den Menschen, der das Buch verfasst hat, egal welchen Geschlechts er ist. Inzwischen habe ich gelernt, dass das „generisches Maskulinum“ heißt und durchaus so verwendet werden soll, wie ich das tue. Aber ich fürchte, dass ich damit der einen oder anderen AutorIN doch auf die Füße trete.
        Nur weil es mir selbst nichts ausmacht, heißt es ja noch lange nicht, dass sich auch andere nicht daran stören. Und das wird wohl noch lange ein problematisches Thema bleiben.
        Außerdem stimme ich Dir absolut zu, dass es anstrengend und nicht wirklich kommunikationsfördern ist, wenn man sich jedes Wort bewusst überlegen muss, um es allen recht zu machen.
        LG Gabi

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  3. Na ja, so richtig die Entscheidung ist und weil ich schon immer fand, dass dem Staat nicht zusteht zu entscheiden welches Geschlecht jemand hat oder zu fordern, dass sich jemand entscheidet für ein Geschlecht, halte ich das mit den Anredeproblemen, für völlig überbewertet. Ein Promille der Menschen in unserem Land sind davon betroffen und davon sind noch einige Kinder. In einem Saal müssen also erst einmal mehr als 1000 Menschen sein, damit einer betroffen ist, von einer falschen Anrede. Eine Firma muss auch erst einmal mehr als 1000 Angestellte haben. Es reicht also, wenn tatsächlich jemand nicht M oder F ist, darüber nachzudenken, wie er angeredet werden möchte, oder welche Toilette er benutzt. Es gibt wesentlich bedeutende Ungerechtigkeiten um die wir uns kümmern können.

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    • Da hast Du sicher recht. Nichtsdestotrotz ist es etwas worüber ich mir im Zusammenhang mit dem Urteil Gedanken gemacht habe. Bzw. auch immer noch Gedanken mache – wenn auch nicht den ganzen Tag. Ich finde einfach generell die Thematik mit den Geschlechtern, der eigenen Identität und Wahrnehmung interessant.
      Viele Grüße
      Susanne

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