Jacek Dehnel: Saturn.

Die Väter und Söhne der Familie Goya sind sich nicht sonderlich verbunden. Francisco, der Hofmaler, hält seinen nicht-malenden Sohn für eine Trantüte, während Javier seinen berühmten Vater als geilen Bock verachtet. Mariano wiederum findet seinen Großvater weitaus bewundernswerter als seinen lahmarschigen Vater. Eine Reise durch die Gedankengänge der männlichen Goyas und das Geheimnis der Pinturas negras.

_SaturnWir betrachten das Leben der Familie Goya ausschließlich durch die Augen der männlichen Mitglieder: zunächst Vater Francisco und Sohn Javier, später auch Enkel Mariano. Sie alle bringen Ihre Verachtung gegenüber dem jeweils älteren deutlich zum Ausdruck. Abgedeckt wird in etwa der Zeitraum von 1790 bis 1840.
Francisco ist bereits ein angesehener Maler, sogar Hofmaler. Die meiste Zeit verbringt er in seinem Atelier. Die Ehe mit seiner Frau bleibt nicht kinderlos, doch fast alle Kinder sterben früh. Einzig Javier überlebt in dem von bleiweiß vergifteten Haushalt.
Zunächst sieht Francisco in ihm seinen natürlichen Nachfolger. Mit den Jahren muss er jedoch einsehen, dass sein Sohn nicht zum Maler taugt und sich auch nicht dafür interessiert. Er hat keinen Respekt vor dieser Trantüte, die nur in Bücher schaut und ansonsten nichts tut. Daran ändert auch die arrangierte Hochzeit mit Gumersinda nichts. Allein die Tatsache, dass dieser Verbindung ein Sohn entspringt, ist schon eine positive Überraschung.
Javier wiederum verachtet seinen Vater, betitelt ihn als Dachs oder geilen Bock. Diesen Mann der in seinem Atelier zwischen zwei Pinselstrichen seine Modelle vögelt. Der unordentlich und verdreckt ist, ständig laut und sich permanent in seine Ehe, sein Leben einmischt. Wahrscheinlich ist Mariano nicht Franciscos Enkel, sondern sein Sohn. Javier traut seinem Vater (und damit auch seiner Frau) alles zu.
Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn bleibt verhärtet und geprägt von Verachtung bis zum Tode. Nicht nur zwischen Francisco und Javier. Auch Mariano bringt seinem Vater keinen Respekt entgegen, sondern wünschte sich tatsächlich Franciscos Kind zu sein. Dementsprechend weiß er auch die düsteren Wandmalereien, die Javier in späten Jahren zustande bringt nicht zu würdigen.

Die oben genannte Familiengeschichte wird ergänzt durch kurze Abhandlungen und Abbildungen der erwähnten Pinturas negras – der „schwarzen Bilder“.

Interessant ist die Geschichte hinter der Geschichte

Ich weiß nicht besonders viel über die Malerei im Allgemeinen und erst recht nicht über Goya im Besonderen. Vermutlich hat mich deswegen das Buch so gereizt. Nach der Lektüre jedoch weiß ich nicht so recht wie ich es finden soll.
Wie schon in der Inhaltsangabe erwähnt, strotzt das Buch nur so vor gegenseitiger Verachtung. Es hat also schon mal einen echt negativen Grundtenor. Vielleicht hätte mich aber der Titel schon darauf hinweisen können, wenn ich mich im Vorfeld über die Pinturas negras – die „schwarzen Bilder“ – informiert hätte. Dann hätte klar sein können, dass es kein fröhliches Buch sein wird. Seis drum.
Was mir gut gefällt ist, dass klar gekennzeichnet ist, wer gerade spricht. Was mir aber fehlt sind Zeitangaben. Da das Buch ja mehrere Jahrzehnte abdeckt, wäre es schön gewesen wenigstens das Jahrzehnt mit anzugeben in dem wir uns gerade befinden. Ich persönlich finde so Zeitsprünge immer nicht so toll, wenn man nicht weiß, wieviel Zeit vergangen ist.
Über die Abhandlungen zu den im Buch aufgezeigten Bildern kann man sich streiten. Nächster Punkt der mir in dem Zusammenhang nicht gefallen hat, ist, dass die Bilder in schwarz-weiß abgedruckt sind. Ja, es sind „schwarze Bilder“ – das heißt aber nicht, dass sie farblos sind. Meiner Meinung nach hätten die Bilder im Original, sprich farbig, abgedruckt sein müssen. Zum Einen das man den Ausführungen dazu folgen kann und zum Zweiten, dass man überhaupt das Bild an sich ansehen kann.
In meinen Augen ist das Beste an der Story, die Geschichte dahinter. Da ich nicht weiß ob man das als Spoiler verstehen könnte, schreibe ich mal etwas weiter unten was ich meine, mit einer entsprechenden Kennzeichnung.
Alles in allem hat mich das Buch nicht umgehauen. Es war langatmig, depressiv, vor Verachtung nur so strotzend, die Bilder fand ich ungünstig dargestellt. Ich habe eine gefühlte Ewigkeit gebraucht um das Buch zu lesen – trotz der wenigen Seiten eine geschlagene Woche.
Und trotzdem würde ich nicht sagen, man soll es „in die Tonne kloppen“, weil es mich auf die Geschichte hinter der Geschichte gebracht hat. Also auf jeden Fall vorher ein wenig über Goya informieren und sich genau überlegen, ob man das Buch liest. Am besten noch andere Rezensionen dazu lesen – die vielleicht nicht so kritisch sind wie meine.

Nun zum erwähnten „SPOILER-ALARM“:
Ja, die Geschichte hinter der Geschichte. Die sogenannten Pinturas negras  – die Schwarzen Bilder werden allgemein Francisco de Goya zugeschrieben. Wie jedoch Jacek Dehnel im Nachwort erwähnt, hat Professor Juan José Junquera in seinem eigenen Buch über die Schwarzen Bilder daran berechtigte Zweifel geäußert. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass eben nicht Francisco de Goya die düsteren Fresken im Landhaus gemalt hat, sondern sein Sohn Javier – oder zumindest ein anderer Maler. Über Javier ist jedoch leider so gut wie nichts bekannt.
Bislang wehrt sich auch die Fachwelt noch gegen Junqueras Behauptungen. Allerdings wurde auch „Der Koloss“ Francisco de Goya zugeschrieben. Zumindest bis zum Jahr 2009 – dann räumte das Museo del Prado, dem die Bilder jetzt gehören, ein, dass dieses Bild auch ein anderer gemalt haben könnte. Ein Nachahmer des Künstlers beispielsweise. Vielleicht auch Javier. Es ist also lt. Dehnel nicht ausgeschlossen, dass es auch noch eine Änderung der Einschätzung für die Pinturas Negras gibt.

 

Autorenporträt
Jacek Dehnel, 1980 in Danzig (Gdansk) geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Warschau. Er ist Schriftsteller, Übersetzer und Maler. Mit seinem Roman „Lala“ wurde er 2006 international bekannt. 2005 erhielt er den renommierten Koscielski-Preis und 2010 wurde sein Gedichtband „Ekran kontrolny“ („Kontrollbildschirm“) für NIKE, den wichtigsten polnischen Literaturpreis nominiert.

Buchinfo
„Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya“ von Jacek Dehnel, erschienen Januar 2016 bei dtv
Taschenbuch: 272 Seiten, € 12,95, ISBN 978-3-423-21623-4

Quellen
Bild: www.dtv.de  / Autorenporträt: Taschenbuchausgabe / Text (außer Autorenporträt): Susanne

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