Mechtild Borrmann: „Persönlicher Kontakt zu Zeitzeugen ist unabdingbar.“

Weil ich heute Geburtstag habe, schenke ich Euch und auch mir das nachfolgende Interview. Es ist aus rein persönlichen, neugierigen Motiven entstanden, weil ich Mechtild Borrmann als Autorin schätzen gelernt habe. Ich hoffe, für Euch ist das Interview ebenso interessant wie für mich.

Bisher sind von Mechtild Borrmann die Bücher „Wer das Schweigen bricht“, „Der Geiger“ und „Die andere Hälfte der Hoffnung“ erschienen. Dazu gibt es noch den Weihnachtskurzkrimi „Die Spur zurück“ von ihr sowie die Sammlung von Kriminalgeschichten „Blutiger Rhein“, an der Mechtild Borrmann mitgearbeitet hat. Für ihr Debüt „Wer das Schweigen bricht“ hat sie den Deutschen Krimipreis 2012 erhalten.

Bisher sind von Ihnen die Bücher „Wer das Schweigen bricht“, „Der Geiger“ und „Die andere Hälfte der Hoffnung“ erschienen. In all diesen Büchern verflechten Sie Gegenwart und Vergangenheit miteinander, auch mit einem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Was fasziniert Sie so an dieser Art Roman?

Ich verbinde gerne Spannung mit historischen oder auch aktuellen gesellschaftlichen Themen.
Wenn ich mit einem Stoff beginne, ist es immer erst das Thema das mich fesselt. Erst im zweiten Schritt entstehen die Kriminalgeschichte und die Verflechtungen der Zeitebenen.

Wie und wo finden Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Das ist sehr unterschiedlich. Das kann ein Zeitungsartikel sein, oder ein Gespräch unter Freunden oder – wie in „Die andere Hälfte der Hoffnung“ – ein aktuelles Ereignis. In diesem Fall war es die Havarie des Kernkraftwerkes in Fukushima.

Gibt es persönliche oder familiäre Bezüge, die in die Romane mit einfließen?

In vielen Romanen spielt der Niederrhein als einer der Handlungsorte eine Rolle. Ich bin dort  aufgewachsen und wähle diese Gegend gerne, weil das für mich ein sicheres Terrain ist.

„Was ist aus diesen Menschen geworden?“

Während „Wer das Schweigen bricht“ und „Der Geiger“ eher die geschichtlichen Ereignisse der 40er und 50er Jahre thematisiert, haben Sie sich in „Die andere Hälfte der Hoffnung“ eher der jüngeren Vergangenheit zugewandt: der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Wie kam es dazu?

Auslöser war die Havarie des Reaktors in Fukushima. Die eilig evakuierten Menschen, das immer größer werdende Sperrgebiet.
Aus der Frage „Was wird aus diesen Menschen?“ ergab sich schnell die Frage „Was ist aus den Menschen geworden, die damals rund um Tschernobyl ihre Heimat verlassen mussten?“

Warum die Kombination des Tschernobyl-Themas mit Mädchenhandel?

Weil die Dinge zusammenhängen. Viele der damals evakuierten Menschen sind in der eilig hochgezogenen Trabentenstadt Trojeschtschina untergekommen – ein Ort mit einer der höchsten Selbstmord- und Kriminalitätsraten. Die Menschen sind entwurzelt, perspektivlos und besonders anfällig für verlockende Arbeitsangebote aus Europa. Betroffen sind vor allem die Mädchen und jungen Frauen. Sie werden „Tschernobylez“ genannt und es heißt: eine „Tschernobylez“ heiratet man nicht, weil das Risiko, dass sie kranke Kinder zur Welt bringt, groß ist.

„Die Menschen sind ausgesprochen hilfsbereit.“

Ich bin neugierig, was die Recherche angeht: Sowohl für „Der Geiger“ als auch „Die andere Hälfte der Hoffnung“ haben Sie sicherlich in der ehemaligen Sowjetunion recherchieren müssen. Wie schwierig war das? Ist man als Autor da willkommen?

Ich bin mehrere Male in Russland und in der Ukraine gewesen. In beiden Ländern habe ich mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Die Anfangskontakte nach Russland sind über eine mir bekannte Aussiedlerfamilie gelaufen. Die ersten Kontakte in die Ukraine kamen über eine Studentin, die für mich übersetzt hat, zustande. In beiden Ländern haben sich die Anschlusskontakte ganz automatisch ergeben. Die Menschen sind ausgesprochen hilfsbereit, und immer kannten meine Gesprächspartner noch jemanden, der auch aus der Zeit berichten konnte.

Es werden ja offenbar Ausflüge für Touristen in die Entfremdungszone um Tschernobyl angeboten. Haben Sie eine solche Tour mitgemacht? Oder tatsächlich jemanden getroffen, der dort lebt?

Ich habe die Entfremdungszone besucht, allerdings nicht mit einer Touristentour. Zeitgleich mit mir waren ein Fernsehteam aus Japan und zwei Journalisten aus England vor Ort und wir hatten einen Zeitzeugen der uns durch die Entfremdungszone geführt hat. Wir haben Pripjat, den havarierten Reaktor, Tschernobyl Stadt und die Hügel der vergrabenen Dörfer besucht. Außerdem konnten wir mit Menschen sprechen die heute wieder dort leben und sich von dem ernähren, was sie in ihren Gärten anbauen.

„Es sind die individuellen, kleinen Geschichten die ich erzählen möchte.“

Ist heutzutage eine Buch-Recherche dank Internet einfacher zu bewerkstelligen? Oder ist es gerade bei zeitgeschichtlichen Themen besser sich wenn möglich an den Ort des Geschehens zu begeben und den Ereignissen nachzuspüren?

Wenn es um Grundwissen und Fakten geht ist das Internet eine große Hilfe, aber um zu erfassen, welche Auswirkungen die geschichtlichen Ereignisse im Alltag hatten ist ein persönlicher Kontakt zu Zeitzeugen für mich unabdingbar. Es sind die individuellen, kleinen Geschichten die ich erzählen möchte, um die Schicksale hinter den Fakten sichtbar zu machen.

Haben Sie ein Vorbild, was das Schreiben angeht?

Ein Vorbild im Sinne von „Ich versuche zu schreiben wie …“, habe ich nicht.
Mein Lieblingsautor im Genre Kriminalliteratur ist Georges Simenon.

Verraten Sie mir und Ihren Lesern, worum es in Ihrem nächsten Buch gehen wird?

Das weiß ich noch nicht.
Ich recherchiere z. Zt. zu zwei Themen und habe mich noch nicht entschieden.

 

Herzlichen Dank an Mechtild Borrmann für die so prompte Beantwortung meiner Fragen. Ebenso vielen Dank an Monika Neudeck vom Verlag Droemer-Knaur für die Vermittlung.

Autorenporträt
Mechtild Borrmann, Jahrgang 1960, verbrachte ihre Kindheit und Jugend am Niederrhein. Bevor sie sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete, war sie u.a. als Tanz- und Theaterpädagogin und Gastronomin tätig. Mit „Wer das Schweigen bricht“ schrieb sie einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichnet wurde. Mechtild Borrmann lebt als freie Schriftstellerin in Bielefeld.

6 Gedanken zu “Mechtild Borrmann: „Persönlicher Kontakt zu Zeitzeugen ist unabdingbar.“

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