Anekdoten aus Schottland 10: Robbensichtungsglückshormone

Der Montagmorgen an der Nordküste ist etwas trübe und verhältnismäßig kühl. Eigentlich so, wie ich mir den Urlaub wettermäßig ohnehin vorgestellt habe. Ich mache mich auf in Richtung Thurso zur Fähre nach Orkney. Von John O´Groats will ich nicht starten, da die Fähre an anderer Stelle anlegt.

Aber ich gelange auch nicht bis nach Thurso. Nach einem Viertel des Weges gibt es einen weiteren Fährhafen, genannt Gills Bay und kurzentschlossen fahre ich dorthin. Während ich mit einigen anderen darauf warte, aufs Schiff fahren zu können, spaziere ich in dem tristen kleinen Hafen herum. Auf der nebenan gelegenen „Baustelle“ beobachte ich zwei Bagger, die scheinbar Wasser und Matsch aus dem Meer holen und im hinteren Bereich des Strandes wieder abladen. Aha, schottische ABM.

Schließlich dürfen wir auf die Fähre. Es beginnt das übliche Rangieren und Einweisen, damit auch ja kein Millimeter verschenkt wird und so viele Autos wie möglich aufs Schiff passen. Ich bedaure zutiefst die PKWs mit Wohnwagen oder Anhänger, die rückwärts auf die Fähre auffahren müssen. Irgendwann sind dann alle Autos drauf und es geht los.

Mit meinem Fernglas im Anschlag stehe ich an der Reling und blicke weiter auf die Bagger. Das Schiff legt ab und meine Aufmerksamkeit wird ein wenig links neben die Bagger gelenkt. Und endlich sehe ich, was ich schon seit Tagen suche: Robben! „Wir müssen umdrehen! Sofort!!!“, schießt es mir durch den Kopf. Ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind! Ich kriege regelrecht Schnappatmung. Jetzt vermisse ich jemanden, den ich wild anstoßen und darauf aufmerksam machen kann. Ein breites debiles Grinsen fräst sich in mein Gesicht. Ich vermute, meine Augen leuchten wie Halogenstrahler, aber ich seh es ja nicht.

Bis sie außer Sichtweite sind fixiere ich mit meinem Fernglas die Robben. Es ist eine ganze Gruppe die dort am Strand auf einer Landzunge liegt. Auch im Wasser sind vereinzelte Punkte zu erkennen, die auf weitere Robben hindeuten.

Ich beglückwünsche mich zu der Entscheidung, spontan diese Fähre genommen zu haben. Und ich beschließe auf genau diesem Wege wieder zurück zu fahren. In meiner Aufregung überlege ich sogar einfach auf der Fähre zu bleiben und gleich wieder zurück zu fahren. Aber ein wenig Verstand setzt sich dann doch durch. Natürlich sehe ich mir erst Orkney etwas an und fahre dann zurück. Aber ich ahne, dass ich üble Hummeln im Hintern haben werde.

Die Fahrt mit der Fähre dauert knappe anderthalb Stunden und ich habe keine Ruhe. Obwohl es auf See windig und regnerisch ist, verbringe ich den Großteil an Deck. Ich versuche es zwar, kann aber einfach nicht in einem der blauen Sessel im Innern der Fähre sitzen. Das Wasser ist grau und nicht besonders einladend. Trotzdem hoffe ich vielleicht doch den einen oder anderen Delfin zu sehen. Das ist nicht der Fall. Ich bin aber ohnehin noch angefüllt mit Robbensichtungs-Glückshormonen.

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