Tour „Obenrum“: Töpferei, Kamele und Blumen auf den Straßen

Donnerstag. Heute ist Fronleichnam in La Orotava. Mein heutiges Tourenprogramm („obenrum“) ist ambitioniert. Eine Töpferwerkstatt in Guia de Isora besuchen, Kamel reiten in El Tanque, den ältesten Drachenbaum in Icod de los vinos angucken und dann natürlich die Blumenbilder in La Orotava. Und auf dem Rückweg nochmal der Versuch bei der Mondlandschaft.
Die Töpferwerkstatt in Guia de Isora in der einheimische Frauen nach alten Bräuchen töpfern, öffnet 10.00 Uhr. Ich bin zu früh da. Typisch. Der Weg war schlecht einzuschätzen. Ich nutze die Zeit um ein wenig herumzuspazieren, Fotos von der Landschaft zu machen und per Selbstauslöser auch ein paar „Selfies“, wie man das heute nennt. Als es 10 Uhr ist, geht immer noch nichts. Ich bin hier halt in Spanien. Da ist das nicht so pünktlich, sondern easy going. Ich bemühe mich um Geduld.

„Jorinde und Joringel“ lassen grüßen

Der bezaubernde Innenhof des Töpfermuseums Arguayo in Giua de Isora

Der bezaubernde Innenhof des Töpfermuseums Arguayo in Giua de Isora

Meine Warterei wird auch belohnt. Irgendwie. Als die Töpferei endlich öffnet, ist da nur eine einzige Frau. Und die töpfert irgendwie auch nicht. Aber erst einmal trete ich durch die kleine Holztür in einen schattigen kleinen Hof. Kühle empfängt mich und ganz viele grüne Pflanzen. Überdacht mit einem Holzgerüst über das sich ebenfalls Pflanzen ranken und von dem kleine Vogelkäfige hängen, allerdings ohne Vögel. Das sieht irgendwie verwunschen aus. Wegen der Vogelkäfige muss ich an das Märchen „Jorinde und Joringel“ denken. Und irgendwie auch an „Hänsel und Gretel“, weil geradeaus ein riesiger alter Backofen steht.
Von hier gelangt man in einen weiteren Hof, der nicht überdacht sondern sonnenbeschienen ist. Auch hier ist es idyllisch, vollgestellt mit Pflanzen. Links geht es in einen Raum in dem die Lebensbedingungen der Ureinwohner dargestellt sind. Natürlich auch mit den verschiedenen Töpferwaren samt Erklärungen. Die rechte Tür vom Hof aus führt sozusagen in den Verkaufsraum. In einfachen Holzregalen sind unprätentiös die kleinen Töpferkunstwerke aufgestellt. Ich entscheide mich schließlich für eine Rosenblüte so groß wie meine Handfläche. Sie ist schlicht und ohne Schnörkel, unbemalt und nicht lackiert. Sehr einfach und für mich gerade deshalb wunderschön.
Zurück im Hof kann man in die offene Werkstatt schauen. Das ist im Prinzip eine überdachte Nische mit einer Werkbank sowie verschiedenen Werkzeugen und Töpferwaren. Leider ist nach wie vor nur eine Frau anwesend. Sie stellt nichts Neues her, sondern bearbeitet bereits hergestellte Gefäße. Da gibt es nicht viel zu sehen und ich bin ein wenig enttäuscht. Ich sehe gern zu, wenn Dinge nach alten Traditionen hergestellt werden. Handwerk und Handwerkskunst interessieren mich immer.

Wie viele Sandsäcke bin ich?

Gesellschaftskamel Manni

Gesellschaftskamel Manni

Schließlich mache ich mich auf den Weg zum Kamel-reiten. Diese Attraktion ist eindeutig den Touristen geschuldet. Auf einem extra angelegten Parkour werden etwas traurig aussehende Kamele, beladen mit mehr oder minder entzückten Touristen, entlang geführt. Es wird das obligatorische Foto gemacht, welches der geneigte Touri nach dem aufregenden Ritt, käuflich erwerben kann.
Vor- und Nachteile des Allein-durch-die-Gegend-gondelns zeigen sich hier ganz deutlich. Der Vorteil: Man ist nicht von anderen Touristen umringt. Der Nachteil: Man ist nicht von anderen Touristen umringt. Will heißen: Ich muss zwar keinen Parkplatz suchen und an der Kasse nicht anstehen. Aber ich habe auch nicht das Vergnügen des gemeinsamen, fröhlichen Gelächters über die blaue Kamelreiter-Kluft, die man anziehen „muss“ und den ausgegebenen Kamel-Führerschein. Und ich muss dazu noch warten, weil man hofft, dass doch noch jemand kommt, der mein Gegengewicht darstellt bzw. damit man nicht nur mit einem Kamel den Weg antritt.
Schließlich – weil gerade kein Touribus ankommt – werde ich doch alleine zu den Kamelen vorgelassen. Die liegen in zwei Reihen, mit angeschnallten 2-Personen-Sitzkörben, träge im Staub. Mein Kamel ist die Nr. 67. Ich werde taxiert. Nicht vom Tier – dem bin ich egal – sondern vom Führer. Er muss taktvoll, ohne mich nach meinem Gewicht zu fragen, eruieren, wie viele Sandsäcke er als Ausgleich auf die andere Seite des Sitzkorbes hängt. Schließlich ist er fertig und ich darf mich richtig auf meinem Platz niederlassen. Ich werde angewiesen, meine Füße immer auf der am Tragekorb befestigten Seilschlaufe zu haben. Das ist besonders wichtig, wenn das Kamel aufsteht und man erstmal nach vorne kippt. Aber so dramatisch finde ich das gar nicht.
Schließlich kriegen Nr. 67 und ich noch ein Gesellschaftskamel – ich nenne es Manni – hinten dran angeschnallt. Es geht los. Nach 5m halten wir. Das ist der Foto-Stopp. Ich lächle freudig, weils halt doch was Besonderes ist und ich mich schon irgendwie freue.
Unser Führer lotst uns durch die Anlage, über eine Straße scheinbar in die Pampa rein. Hier herrscht natureller Wildwuchs, aber das gehört alles mit zum Kamel-Parkour. Bei einem beherzten Blick über meine Schulter, bemerke ich zwei Dinge: 1. Manni rückt mir ganz schön auf die Pelle. 2. Er hat eine massive Zahnfehlstellung. Da müsste man mal was machen.

Kein Geld für den Baum

Auch ein Drachenbaum. Zwar kleiner, aber dafür umsonst anzugucken

Auch ein Drachenbaum. Zwar kleiner, aber dafür umsonst anzugucken

Etwa 15 Minuten werde ich mit dem Wüstenschiff über einen steinigen Pfad geschaukelt bis es wieder zurück zum Start geht. Hier sind witzige Straßenschilder mit Kamelmotiven aufgestellt, die ich leider zu spät bemerke. So schnell habe ich meine Kamera nicht startklar gemacht. Zurück am Ausgangspunkt ist dann auch eine kleinere Touristengruppe angekommen. Die amüsieren sich köstlich in ihren blauen Kitteln und den komischen Tüchern auf dem Kopf. Ich bin ein klein wenig neidisch.
Ich schnappe mir mein Kamelfoto und düse weiter. Der Tag ist schon weiter fortgeschritten als ich dachte. Deshalb und auch weil ich nicht einsehe für das Angucken eines alten Baumes Geld zu bezahlen, streiche ich den Drachenbaum in Icod de los vinos von meiner Sightseeing-Liste. Auf direktem Wege fahre ich nach La Orotava.

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